2014, Dez. 7 | Respekt vor dem Menschlichen

“Unverzagt – Streiten für die Kunst”, Festschrift zum 85. Geburtstag von Nikolaus Harnoncourt, 7.12.2014, Thomas Höft

Festschrift zum 85. Geburtstag von Nikolaus Harnoncourt

Festschrift zum 85. Geburtstag von Nikolaus Harnoncourt

Elisabeth Kulman im Gespräch mit Thomas Höft über Nikolaus Harnoncourt

Wie haben Sie sich kennengelernt, die Sängerin Elisabeth Kulman und der Dirigent Nikolaus Harnoncourt?

Also ich kam ganz jung vom Land und hatte Lust, Chor zu singen. Nachdem ich mich durch die Wiener Konzertchöre hochgearbeitet hatte, landete ich schließlich mit 19 beim Arnold Schoenberg Chor. Sehr schnell kam ich so in Kontakt mit Nikolaus Harnoncourt, dem ich mein zentrales musikalisches Schlüsselerlebnis zu verdanken habe. Eine der ersten Produktionen, die ich unter ihm mitsingen durfte, war Bachs Matthäuspassion im Wiener Musikverein. Das war vor genau zwanzig Jahren, 1994. Bis heute werde ich diesen einmaligen Eindruck niemals vergessen: Ich war die ganze Aufführung, drei Stunden durchgehend in Trance. Man muss sich vorstellen, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch niemals diese alten Instrumente gehört hatte. Der Klang, die Art zu spielen, das alles hat mich tief bewegt und gefesselt. Zum Beispiel die Gambe, die ihre halsbrecherisch schwere Arie spielt. Nikolaus Harnoncourt hat uns erklärt, dass es eben genau so klingen muss, dass das kompositorische Absicht ist, darzustellen, wie jemand sein schweres Kreuz trägt.

Ich habe das alles aufgesaugt wie ein Schwamm, als Landkind war ich ja quasi eine tabula rasa, die erst beschrieben werden musste. Alle seine Bücher habe ich verschlungen. Nikolaus Harnoncourts Erkenntnisse haben mich tief geprägt und beeinflussen bis heute meine musikalische Herangehensweise und meine Interpretationsansätze.

Selbstverständlich waren wir Schoenberg-Chor-Sänger nicht nur von seinem Wissen beeindruckt, sondern auch und vor allem fasziniert von seiner Persönlichkeit. Jeder könnte wohl Stunden von Nikolaus Harnoncourts gleichermaßen fantasie- wie humorvollen Metaphern und geistreichen Sprüchen erzählen, die er uns zum Besten gab, immer im Bestreben, uns auf möglichst plastische Weise seine Klangvorstellung zu vermitteln und uns dafür zu begeistern. Mir fiel schon damals auf, dass er sich niemals wiederholte. Kein Bild, kein Bonmot kam zweimal. Das ist eine der markanten Eigenschaften von Nikolaus Harnoncourt. Selbst jetzt, in hohem Alter, wiederholt er sich nicht. Das zeugt von einem unglaublich lebendigen Geist, von einem unerhört wachen Menschen, der nicht in der Vergangenheit verharrt, sondern immer in der Gegenwart lebt und die Zukunft im Blick hat. Das ist kein Widerspruch zur Beschäftigung mit Alter Musik und Historischer Aufführungspraxis, ganz im Gegenteil. Er hat einen unglaublich modernen Zugang. Dabei hinterfragt er selbst seine eigenen Erkenntnisse. Sehr spannend ist es, seine älteren Aufnahmen mit seinen neuen zu vergleichen: Sie sind voller neuer Erkenntnisse. In dieser beständigen Neugier ist Nikolaus Harnoncourt für mich eine wahre Inspiration.

Und dieser Weg hat sie aus dem Chor als Solistin auf die großen Bühnen dieser Welt geführt. Dabei verbinden Sie und Nikolaus Harnoncourt ganz besonders beeindruckende Produktionen. Sie gehen mit ihm sehr weit. Warum?

Das kann ich besonders gut an unserer jüngsten Zusammenarbeit erklären, dem Da-Ponte-Zyklus im Theater an der Wien. Da habe ich zwei Rollen gesungen, die nicht in meinem normalen Repertoire sind. Ich habe früher viel Mozart gesungen, aber inzwischen werde ich danach nicht mehr gefragt. Doch Nikolaus Harnoncourt hat mir gleich zwei Rollen angeboten. Mein anfängliches Zögern wich bald der Experimentierlust, und so nahm ich die Herausforderung und natürlich die große Ehre an. Zuerst kam der Cherubino im “Figaro” dran. Diese Figur haben wir gemeinsam entwickelt. Er hat ja eine ganz genaue Vorstellung davon, wie die Rezitative gesungen werden sollten, nämlich eigentlich gar nicht gesungen, sondern viel eher gesprochen. Gut, das sagen viele Dirigenten, aber er meint es auch so, meint es noch viel radikaler. Er meint: wirklich gesprochen. Das habe ich dann bei den Proben auch gemacht. Und dadurch sind wir auf etwas ganz Interessantes gestoßen: Wenn ich spreche, dann spreche ich tiefer, als es bei Mozart notiert ist. Meine natürliche Sprechlage liegt ziemlich genau eine Oktave tiefer. Und der Wechsel aus tieferer Sprechlage und höherer Singlage hat uns sofort an den Stimmbruch denken lassen. Cherubino ist ja ein junger Bursche auf dem Weg zum Mann. Wie wäre es, wenn er im Stimmbruch wäre? Und genau das habe ich dann gemacht. Ich habe einen Burschen im Stimmbruch gespielt. Ich weiß nicht, bei welchem anderen Dirigenten das möglich gewesen wäre.

Ähnlich war es auch bei der Despina in “Così fan tutte”, meiner zweiten Rolle im Zyklus. Die verkleidet sich ja zweimal als Mann in dem Stück. Für mich war schon immer klar, dass diese Passagen, die Despina als Mann singt, eine Oktave tiefer klingen müssen, und ich habe mich immer gewundert, dass das bis jetzt noch niemand gemacht hat. Dass ich diese Idee umsetzen wollte, habe ich ihm vor der Probe nicht verraten. Ich habe gedacht, ich leg in der Probe einfach los und biete es ihm an. Zugegeben, ich habe geschwitzt. Aber ich war auch neugierig. Wird er es akzeptieren, oder stirbt die Idee? Aber mein Brustton der Überzeugung war offensichtlich groß genug, und genau so haben wir es in der Vorstellung gemacht. Ich bin einfach immer für Experimente zu haben, ich will immer alles ausprobieren. Und ich frage mich wirklich, welcher andere Dirigent auf der Welt das nicht nur zugelassen, sondern sogar herausgefordert und ausgebaut hätte, und das bei einem Heiligen wie Mozart!

Apropos zulassen: Dirigenten bewegen sich zwischen den Polen des Diktators bis hin zum Partner. Wo verorten Sie Nikolaus Harnoncourt?

Ein spannendes Thema, das sich mit jedem Dirigenten neu stellt. Die Frage nach den Kräfteverhältnissen. Manchmal ist das Verhältnis vom Sänger zum Dirigenten ein Kampf um die Frage, wer sich musikalisch durchsetzt. Genau das ist es bei Nikolaus Harnoncourt nie. Er hat ganz klare Vorstellungen. Er hat ganz präzise Vorgaben. Aber er zwingt sie einem nicht auf, sondern er bringt einen dazu, sie als die eigenen zu verstehen. Dabei ist er sofort bereit, sich selbst überzeugen zu lassen. Meist aber ist es so, dass jeder liebend gerne mit ihm an einem Strang ziehen will. Wie er das psychologisch schafft, vermag ich nicht genau zu erklären. Aber es findet ein charismatischer Effekt statt, der einen sofort auf seine Seite bringt. Man möchte das Experiment, das er vorhat, mit ihm gemeinsam umsetzen, genauso, wie er es sich wünscht. Man möchte Teil von dieser Idee sein. Weil man unmittelbar spürt, dass sie aus einem übergroßen Herzen entspringt. Da ist ein so großer Respekt vor dem Menschlichen, eine so große Menschlichkeit, dass man das Beste gibt, weil man selbst so überaus menschlich behandelt wird. Er hat einen unglaublichen Respekt vor der menschlichen Individualität. Nie würde Nikolaus Harnoncourt ein Orchester als einförmigen Klangapparat behandeln, stets sieht er jeden einzelnen Menschen, jeden Musiker als schätzenswertes Individuum. Und mit jedem einzelnen arbeitet er, nie mit einer gesichtslosen Masse. Und auch jeden Sänger wird er als absolut einzigartigen Menschen behandeln. Man spürt diesen grundlegenden Respekt vor dem Gegenüber. Und das hängt mit dem Glauben an die Einzigartigkeit jedes Menschen zusammen, der in seiner eigenen künstlerischen Äußerung ernst genommen wird, wenn sich Nikolaus Harnoncourt entschlossen hat, mit ihm zu arbeiten.

Man hat mit ihm immer das Gefühl, in einer großen, liebevollen Familie aufgenommen zu sein. Ich habe zum Beispiel im Sommer Geburtstag, und in den vergangenen Jahren habe ich den meist in Produktionen mit Nikolaus Harnoncourt bei der styriarte in Graz verbracht. Vergangenes Jahr war mein Vierziger, und auch da stand ich auf der Bühne, als Boulotte in Offenbachs „Blaubart“. Nach dem Schlussapplaus hat mir das Orchester zu meiner Überraschung ein Ständchen gespielt, vor versammeltem Publikum und vor Nikolaus Harnoncourt. Das war das allerschönste Geburtstagsfest meines Lebens. Und es zeigt, wie die Stimmung in den Produktionen mit ihm ist. Die ganze Produktion von „Barbe-Bleu“ war so familiär, so positiv, sie hat alle beglückt und glücklich gemacht. Und wenn es ein Geheimnis gibt, dann ist es vielleicht das: Alice und Nikolaus Harnoncourt geben jedem, der mit ihnen arbeitet, sofort das Gefühl „Ich habe Dich ganz bewusst ausgewählt. Weil Du eine ganz bestimmte Qualität bringst, die wir schätzen.“ Und dann steht er die ganze Zeit der Produktion voll hinter jedem einzelnen Mitwirkenden. Und selbst wenn jemand Probleme bekommen sollte, weiß er, er wird nicht fallen gelassen. So wird der künstlerische Prozess zu einem Geben und Nehmen, immer mit Liebe. So einfach ist das. Und so einmalig.

Das Gespräch mit Elisabeth Kulman führte Thomas Höft

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