2015, Aug. 7 | Ich bin leider schlecht im Bravsein

Salzburger Nachrichten, 7.8.2015, Ernst P. Strobl

Beim SN-Interview in Salzburg - Copyright: SN/Kolarik

Beim SN-Interview in Salzburg – Copyright: SN/Kolarik

Elisabeth Kulman zog sich überraschend von der Opernbühne zurück. Ihren Einsatz gegen prekäre Verhältnisse setzt sie fort.

Die burgenländische Sängerin, Mezzosopranistin mit großer Karriere, zählt zu den eigenwilligen Persönlichkeiten der Opernwelt. Heute, Freitag, gastiert sie mit einem Liederabend bei den Salzburger Festspielen.

SN: Ihr totaler Rückzug von szenischen Opernproduktionen enttäuschte viele, andererseits gab es zahllose Respektsbekundigungen auf Ihrer Facebook-Seite. Sind Sie zu sensibel für das Geschäft?

Kulman: Ich bin sensibel, aber zu sensibel wohl nicht, denn sonst hätte ich nicht jahrelang mitgemacht. Es gibt Umstände, die es sensiblen Künstlern nicht unbedingt erleichtern, aber jeder Mensch und jeder Künstler im Speziellen hat andere Bedürfnisse. Ich will nicht den Opernbetrieb nach meinen ganz persönlichen Bedürfnissen diktieren. Viele haben mir gesagt: Du bist in der Position, du könntest es dir ja richten. Du könntest einfach sagen: So und so viel will ich proben und mehr mache ich nicht. Richtet euch nach mir. Ich sehe das nicht als Lösung, denn dann sind die anderen wieder unglücklich, das bringt nichts. Man kann es nicht allen recht machen.
Deshalb will ich nicht sagen, dass es um Sensibilität in erster Linie geht, sondern es ist eine sehr persönliche und in erster Linie eine künstlerische Entscheidung. Was ist das Sängerleben eigentlich, was bedeutet das? Das heißt in der Praxis, man hat seine Palette an Rollen. Das sogenannte Repertoire, nach dem man dann international gefragt wird und mit dem man um die ganze Welt tingelt. Bei mir sind das vor allem Carmen, Herodias, Orlofsky und Wagners “Ring”. Im Prinzip könnte ich damit jetzt das große Geld machen, ich bräuchte nur weiterzumachen. Für einen Geschäftsmann wäre das interessant, aber für mich als künstlerische Seele sehr unbefriedigend und reizlos.

SN: Aber Sie sind auch leidenschaftliche Schauspielerin, wie man oft gesehen hat. Eine konzertante “Carmen” wird es eher nie geben. Wird Ihnen das nicht leidtun? 

Ich bin ja fast zwanzig Jahre auf der Bühne gestanden. Das ist doch was. Bis jetzt geht es mir nicht ab. Ich prüfe meine Entscheidungen sehr genau. Und ich muss sagen, ich bin sehr froh, dass ich das nicht mehr machen muss. Also: Ich liebe den Moment, auf der Bühne zu stehen, jede Sekunde. Aber was da vorher ist, diese sechs oder sieben Wochen Probenzeit, das Herumkämpfen mit tausend Umständen, das will ich nicht mehr.

SN: Hatten Sie keine Probleme, aus Verträgen auszusteigen?

Ja, es war sehr unangenehm. Aber da ich eine allgemeine Entscheidung getroffen habe und nicht dem einen Opernhaus Ja sage und dem anderen Nein, konnten es die Intendanten akzeptieren. Niemand trägt es mir jetzt nach. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu allen.

SN: Sind nun Liederabende – wie der heutige – Ihre Hauptbeschäftigung? 

Das ist mir natürlich zu wenig, nur das ist auch fad. Was mir so ein bisschen vorschwebt, ist ein auf mich perfekt zugeschnittenes Programm. Wo ich mir auch zum Beispiel Opernarien heraussuchen kann, vielleicht auch szenisch gestaltet, das weiß ich noch nicht. Musical, Operette. Ich lasse mir alle Optionen offen.
Aber so muss ich mich nicht in fremde Kostüme zwängen und nicht Perücken aufsetzen, die mir nicht stehen. Das gehört auch zum Sängerberuf, dass man einfach erfüllt, was im Vertrag steht. Und wenn im Vertrag steht, du singst diese Inszenierung, die du gar nicht kennst, dann bist du dafür da, dass du das erfüllst. Mich hat einmal der Ioan Holender angebrüllt, als ich extemporiert habe als Orlofsky in der “Fledermaus”, ich sei gefälligst dafür da, dass ich das tue, was in den Noten und im Text steht. Ich war offensichtlich immer schon ein bisserl anders. Von einem Sänger wird nicht erwartet, dass er den Mund sonst aufmacht außer zum Singen. Aber da bin ich schlecht darin. Ich bin schlecht im Bravsein.

SN: Oper konzertant machen Sie, siehe München etc.?

Also Fricka ist ja super. Ich habe sie auch vor Kurzem in Tokio konzertant gemacht, man braucht wirklich keine Requisiten, das fährt genauso ab. Und es macht immer unfassbar Spaß, den Wotan nach allen Regeln der weiblichen Kunst durch die Mangel zu drehen.
Oper ist Musiktheater, Musik und Theater sollten 50:50 sein. Heutzutage ist es aber zu 90 Prozent Theater und das Drama rundherum, und nur mehr bei zehn Prozent oder weniger geht es um die Musik. Leider! Jeder, der das Business kennt, stimmt mir da zu. Ich aber bin von ganzem Herzen Musikerin, und der Musik möchte ich den Stellenwert geben, der ihr gebührt. Deswegen arbeite ich so gern mit Nikolaus Harnoncourt zusammen. Da haben Musik und Theater ein Gleichgewicht. Die allerschönste Produktion meines gesamten Opernlebens war Offenbachs “Blaubart” bei der styriarte. Da haben wir zehn Tage geprobt und nicht sieben Wochen. Und es war fulminant. Es geht also!

SN: Vor zwei Jahren wurden Sie zur Galionsfigur im Kampf gegen prekäre Verhältnisse im Bühnenbereich, “art but fair” wurde gegründet, doch dann folgte Ihr Rückzug. Ist diese Initiative heute eine zahnlose Nebengewerkschaft?

Nein. Es ist immens wichtig, dass “art but fair” existiert. Es füllt eine Lücke und steigt allen auf die Zehen, wo es nicht passt: den Gewerkschaften, der Politik, den Arbeitgebern usw. Ende August wird die große “art but fair”-Studie veröffentlicht. Da kommt heraus, dass die Missstände, die von “art but fair” aufgezeigt wurden, Realität sind und dass das nicht etwas von uns Erfundenes ist. Zweitens, dass Frauen – generell, durch die Bank – schlechter bezahlt werden. Drittens, dass zum Beispiel kürzer Beschäftigte immer schlechtere Umstände und Bezahlungen haben als längerfristig Engagierte. Viertens, dass vor allem die Gewerkschaften und die Politik gefordert sind. Die könnten und müssen etwas tun. “art but fair” ist jetzt weniger dafür da, nochmals als Klagemauer zu dienen, jetzt ist kulturpolitische Knochenarbeit gefragt. Die passiert im Hintergrund und ist nicht so medienpräsent wie die damals.

SN: Braucht solch eine Initiative nicht eine Berühmtheit oder wenigstens eine anerkannte Persönlichkeit an der Spitze?

Ich bin damals das Gesicht gewesen, jetzt bin ich im Hintergrund zwar aktiv, aber die wirkliche Arbeit leisten die sehr engagierten Vorstände von “art but fair”. Ich bin sehr erstaunt, wie viel bewegt worden ist innerhalb der letzten beiden Jahre. “art but fair” wird überall ernst genommen. Das ist schon sensationell. Wenn ich etwas dazu beitragen konnte, dann habe ich schon viel gemacht. Jeder Sänger hat einen Mund – und er soll ihn aufmachen. Nicht nur ich. Nur zu!

SN: Ihr Lebensweg ist voller Überraschungen, einmal Auszeit, dann haben Sie in Thailand den Weg zu sich selbst gesucht. Würden Sie das empfehlen? 

In Thailand war ich sehr weit weg, nicht nur geografisch, auch im Kopf. Ich habe auch darüber nachgedacht, ob ich überhaupt noch singen will. Ich prüfe mich ständig und habe mich auch sehr genau geprüft, ob ich Opern singen will oder nicht.

SN: Hat Thailand die Intensität der Reflexion gefördert?

Genau. Seinen inneren Kern zu finden und zu bewahren, muss man üben, denn es fällt schwer, weil ständig so viel um einen herum ist. Wir leben hier in einer lauten, bunten Welt voller Ablenkungen und Verwirrungen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich wirklich zu dieser inneren Ruhe gefunden habe. Man muss sich auch immer wieder bemühen, dass man sich die Verbindung zu sich selbst bewahrt. Das ist nicht so leicht. Es ist auch wichtig, dass man neue Perspektiven gewinnt, von dort schaut man ganz anders etwa auf Salzburg. Oder Wien. Was ist Salzburg oder Wien? Alles kriegt neue Relationen. Und ich frage mich dann schon manchmal: Was mache ich da eigentlich? Ich schaue ganz genau hin bei mir. Das kostet einiges an Kraft, denn es ist viel bequemer, wenn man Dinge verdrängt und wegschiebt. Was ich schon jedem raten kann: dass man immer prüft, bin ich am richtigen Fleck und macht mir das Freude? Ich habe lange gebraucht, um draufzukommen, was mir außer dem Singen noch Spaß macht, denn ich habe mich mein Leben lang mehr um die Bedürfnisse und vermeintlichen Erwartungen anderer gekümmert als um meine eigenen.

SN: Sie machten – als Künstlerin – einen radikalen Schritt, was man beispielsweise bei einem erwerbstätigen Familienvater ja nicht erwarten kann: einfach aus dem Hamsterrad auszusteigen.

Ich glaube, jeder hat auf einem gewissen Level die Möglichkeit, aus dem Hamsterrad auszusteigen. Man muss ja nicht mit einem riesigen Satz rausspringen, sondern soll den ersten kleinen Schritt tun. Wir leben in unserer westlichen Welt im absoluten Überfluss. Zu behaupten, dass es uns schlecht gehe, ist wirklich absoluter Hohn angesichts der Situation in anderen Ländern. Dann weiterjammern und behaupten, man kann nicht aus dem Hamsterrad aussteigen. Wir müssen einmal runterkommen von unserem Bedürfnis nach Überfluss. Ich habe mich für Minimalismus entschieden, ich verkaufe und verschenke alle meine Sachen: Ich reduziere alles auf das absolut Nötigste und bin schon sehr weit fortgeschritten damit. Loslassen tut sehr gut. Man ist leichter und somit auch leichter beweglich. Im Körper und im Geist.

Quelle/Originallink: www.salzburg.com/nachrichten/spezial/festspiele/salzburger-festspiele/sn/artikel/kulman-ich-bin-leider-schlecht-im-bravsein-160920/

Newsletter abonnieren

* Pflichtfeld

Calendar

  • Sa
    22
    Dez
    2018

    Christmas Concert: Vivaldi, Mozart

    20:00Milan - Scala di Milano

    Antonio Vivaldi: Magnificat
    W.A. Mozart: Krönungsmesse
    et. al.

    Rosa Feola, soprano
    Elisabeth Kulman, alto
    Mauro Peter, tenor
    Gianluca Buratto, bass
    Orchestra and Choir of the Scala di Milano
    Conductor: Diego Fasolis
    Info/Tickets »

Featured video

Elisabeth Kulman sings Schubert's "Erlkönig" live at the Schubertiade Schwarzenberg