2015, Sept./Okt. | Auf dem Weg

Musik & Theater, Ausgabe September/Oktober 2015, Andrea Meuli

2015-09_musikundtheater1Elisabeth Kulman überraschte mit ihrem Rückzug von der Bühne – und sucht konsequent ein authentisches Leben

Sie eilte von Erfolg zu Erfolg, und sie schlug mit der von ihr ins Leben gerufenen Bewegung «Art but fair» eine Bresche für die Sängerbranche. Doch der Erfolg begann sie aufzuzehren. Deshalb nahm die österreichische Mezzosopranistin Elisabeth Kulman zunächst eine Auszeit. Bis sie im vergangenen Frühjahr ihren Entschluss kundtat, sich von der Bühne ganz zurückzuziehen und sich künftig auf konzertante Auftritte zu konzentrieren. Anlässlich ihres Debüt-Liederabends bei der Schubertiade in Schwarzenberg trafen wir die Sängerin zum Gespräch.

M&T: Elisabeth Kulman, vermissen Sie die Bühne schon?

Elisabeth Kulman: Im Moment nicht. Ich werd’ sehen, ob ich sie vermisse. Ich bin jahrelang auf der Opernbühne gestanden, und es war wunderschön. Ich hab’s immer genossen. Doch wie ich gemerkt habe, es könnte in eine Form von Routine münden, habe ich mir gesagt: Das will ich lieber verhindern! (Lacht)

M&T: Wie spontan war Ihre Entscheidung, sich von der Opernbühne zurückzuziehen?

Elisabeth Kulman: Natürlich gärt so etwas sehr lange. Aber die Entscheidung selbst ging dann sehr schnell. Es fühlte sich an, wie wenn etwas einrastet. Es war sicher eine mutige Entscheidung, aber ich habe gespürt, dass es der richtige Weg für mich war. Doch dann macht man sich sofort Gedanken über die anderen: Es gibt unterschriebene Verträge, man hat Agenten, die sich bemüht und fantastische Engagements für einen arrangiert haben. Denen einen solchen Entscheid zu vermitteln ist nicht angenehm. Überraschenderweise war es jedoch so – (lachend) ich habe das wohl nicht so schlecht transportiert –, dass auch meine Agenten mich verstanden. Wahrscheinlich, da sie dieses Geschäft schon lange kennen und wissen, mit welchen Gefühlen und Schwierigkeiten ein Sänger oder Musiker, der jahrzehntelang auf der Bühne steht, umgehen muss.

M&T: Nach aussen fiel Ihr Entschluss überraschend. Sie vermittelten immer den Eindruck, das Spielen auf der Bühne, die Verwandlung zu lieben.

Elisabeth Kulman: Im Metier hat man mich verstanden, schwieriger war dies wohl für ein Publikum, welches nicht nachvollziehen konnte, dass es die Kulman auf der Bühne künftig nicht mehr geben sollte. Doch für mich ist es sowieso gut, wenn ich meinen Weg weiter gehe. So trennt sich auch die Spreu vom Weizen. Das gilt für Freunde wie für Fans. Und falsche Freunde brauche ich weder in meinem privaten Leben noch in meinem Berufsleben.

M&T: Ist Ihr Entscheid als Versuch zu werten, sich nicht an die Mechanismen des Betriebs zu verlieren, authentisch zu bleiben?

Elisabeth Kulman: Darum geht es überhaupt! Als Mensch wie als Künstler, der in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, muss man authentisch sein. Ich glaube, das ist die stärkste Kraft und macht auch ein erfülltes Leben aus.

M&T: Wie schwierig ist es in diesem Kunstbetrieb, sich seinen eigenen Weg zu bewahren?

Elisabeth Kulman: In unserer Welt ist es ganz schwer, authentisch zu sein, es überhaupt zu werden. Ich habe auch einige Zeit dafür gebraucht. Man erfüllt zunächst halt die Erwartungen. Im Studium zum Beispiel hat man die Kriterien des Lehrers zu erfüllen, um anerkannt zu werden. Auch später in der Karriere hangelt man sich von Erwartung zu Erwartung hoch. Und irgendwann als reifer Künstler kommt man an den Punkt, an dem man sagt: Eigentlich ist es mir egal, was ihr erwartet! Ich habe meine Massstäbe und meine Wertigkeiten. Zum Beispiel, wenn ich so ein Liederabendprogramm vorbereite: Was ist die Wahrheit? Wer sagt mir, wie es richtig zu interpretieren ist? Wir haben uns monatelang mit diesem Programm beschäftigt, uns mit grosser Intensität und Freude in diese Lieder hinein gegraben, immer wieder umgegraben und alle möglichen Facetten hervorzubringen versucht. Und uns irgendwann für eine Richtung entschieden, um die dann im Ernstfall, zum Beispiel heute Abend, völlig über Bord zu werfen …

M&T: Kann das sein, Interpretation sozusagen als Zufall?

Elisabeth Kulman: Das geht nur dann, wenn man ganz akribisch und viel gearbeitet hat. Wenn jemand im Publikum dann sagt: «Das ist eine falsche Interpretation!», halte ich das für verfehlt: Der eine kann etwas mitnehmen, der andere nicht. Das ist in Ordnung und auch nicht egal. Aber ich will niemanden zwingen, zu mögen, was ich mache. Hingegen muss ich mir gegenüber echt und authentisch bleiben. Darum geht es mir.

M&T: Es gibt allerdings gewisse Eckwerte und Kriterien, über die sich eine ernsthafte Interpretation nicht hinwegsetzen kann.

Elisabeth Kulman: Natürlich! Es muss sauber gesungen sein, der Text muss stimmen, und so weiter. Das ist eh klar. Aber als gereifter Künstler muss man irgendwann über diese Ebene hinaus kommen. Für diese Dimension ist der Spielraum noch immer sehr gross!

M&T: Ist er im Lied grösser als in der Oper?

Elisabeth Kulman: In dem Sinne, dass ich nur einen Partner habe, mit dem ich mich abstimmen muss. In der Oper ist es der Dirigent, der Regisseur, der Kostümbildner, es sind die Sängerkollegen und weiss ich was. Das ist viel komplizierter.

M&T: Ein einengender Prozess für Sie?

Elisabeth Kulman: Ja, weil ich selber auch klare Vorstellungen etwa einer Partie habe, die jedoch nicht um jeden Preis durchdrücken will. Mir ist noch immer die Harmonie zwischen den Menschen wichtiger. Vielleicht kommt dabei mein eigener Input manchmal zu kurz, da ich kein Mensch bin, der sich um jeden Preis durchzusetzen sucht. Da ziehe ich mich eher zurück. Das ist vielleicht auch ein Grund, dass es mir nicht liegt, auf den Putz zu hauen. Auch meine Vorstellung bedeutet ja jeweils nur eine Variante. Wer sagt, dass ich recht habe?

M&T: Mit dieser Verletzlichkeit in der Öffentlichkeit zu leben – hat Sie das unter Druck gesetzt?

Elisabeth Kulman: Nein, für mich ist es schön und richtig, dass ich meine Verletzlichkeit zeige. Auch möchte ich beispielgebend sein, dass sich die Menschen mehr zu öffnen trauen, gerade in ihrer Verletzlichkeit und mit ihrer angeblichen Schwäche, die es letztlich gar nicht ist. Zum Beispiel, wenn es darum geht, sich etwas einzugestehen. Etwa, als ich merkte, es ist mir zu viel, ich muss eine Pause machen.

M&T: Letztlich geht es darum, wie wohl und komfortabel man sich fühlt. Es ging bei Ihnen ja nicht um – beispielweise – einen unbewältigten Fachwechsel.

Elisabeth Kulman: Dann loszulassen, wenn man eigentlich alles hat – das ist das Schöne. Wir haben so viel Überfluss in unserer westlichen Welt. Und die Lösung für das Problem der Menschheit, damit Leute nicht hungern müssen, wäre, dass wir unseren Überfluss loslassen. Wir haben so viel, und viele haben gar nichts. Wir brauchen den ganzen Pomp und so viel Luxus gar nicht, wir könnten auch mit ein bisschen weniger zufrieden werden. Privat habe ich mein Leben total umgekrempelt, ich habe sehr viel verkauft. Im Laufe des letzten Jahres habe ich viele Dinge verloren – Ausweis, Schlüssel, Geldbörse –, verrückt. Dabei habe ich gemerkt: Offensichtlich wollen die Dinge weg von mir! Und mir ist bewusst geworden: Loslassen eröffnet neue Dimensionen.

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M&T: Sie sind noch der gleiche Mensch wie vor einem Jahr?

Elisabeth Kulman: Ich verändere mich ständig. Aber ich hoffe in eine optimierende Richtung (lächelt). Ich möchte ein immer freierer Mensch werden, eine bessere Version meiner selber – so gut ich halt werden kann (lacht).

M&T: Dann drehe ich die Frage um: War die Elisabeth Kulman von zuvor nicht echt?

Elisabeth Kulman: Doch! Auf dem Weg. Ich möchte weder mich selbst noch andere be- oder verurteilen. Auch wenn ich Fehler gemacht habe, haben die mich nur weiter gebracht. Aus denen habe ich gelernt, es künftig anders zu machen. Auf dem Weg zu sein ist für mich entscheidend.

M&T: Diesen individuellen Weg auch konsequent zu suchen …

Elisabeth Kulman: … wird immer leichter, je konsequenter man ihn geht.

M&T: Trotz harter Schnitte?

Elisabeth Kulman: Das hilft unglaublich und katapultiert einen nach vorne. In einen solchen Fluss zu kommen ist ein gutes Gefühl.

M&T: Sie fühlen sich freier?

Elisabeth Kulman: Ja, total! Und wenn ich heute zurückschaue, sehe ich, dass ich immer nach Freiheit gestrebt habe. Andere streben nach Sicherheit, das ist das andere Pendant, und ich brauch’ den Fluss!

M&T: Gehört dazu, dass sie als Sopran begonnen, dann ins Mezzofach gewechselt und sich immer wieder ein ausgesprochen breites Repertoire-Spektrum erschlossen haben?

Elisabeth Kulman: Es passt irgendwie ins Bild. Rückblickend sehe ich, dass viele Stationen immer in diese Richtung geführt haben, die ich jetzt weiter gehe. Wenn ich dabei einen Umweg eingeschlagen habe, war er notwendig.

M&T: Schade, dass auf diesem Weg das Spielen künftig verloren geht. Ihr Bühnentalent, ihre szenische Wandlungsfähigkeit waren immer augenfällig. Auch Ihre Lust am Spiel hat das Publikum immer erreicht.

Elisabeth Kulman: Danke. (Lächelt) Ich mag Theater, aber nicht um jeden Preis. Im heutigen Opernbetrieb ist es so (denkt nach), es ist wirklich so, dass neunzig Prozent Theater und das Drama drum herum sind, und bloss zehn Prozent für die Musik übrig bleiben. Für mich stimmt deshalb die Balance nicht. Es heisst ja «Musiktheater» – das Verhältnis sollte ausgewogen sein.

M&T: Die Musik wird in Kompromisse gedrängt?

Elisabeth Kulman: Wahrscheinlich. Jedenfalls bekommt sie nicht genug Gewicht für mich. Ich habe offensichtlich eine Fähigkeit zu Spielen, wie Sie beschreiben. Aber die kommt, glaub’ ich, aus meiner Authentizität. Ich versetze mich in eine Rolle und denke nicht darüber nach, wie ich dabei aussehe (lacht).

M&T: Das ist vielleicht eine Begründung, weshalb Sie szenisch so präsent wirken. Sogar in konzertanten Aufführungen wie etwa als Fricka in Wagners «Ring» vor zwei Jahren beim Lucerne Festival, der ja zu einem fulminanten Erfolg wurde. Und in dem mehr Theater erlebbar wurde als in manch szenischer Version.

Elisabeth Kulman: Ja, das war toll! Ich habe das genauso empfunden. Ich brauche keine Perücke und kein Kostüm dazu, um mich in eine Rolle hineinzudenken.

M&T: Sie haben sich mit Ihrer Initiative «art but fair» sozusagen ins Schussfeld und ins Medienfeuer gebracht. Hatte das Auswirkungen auf Ihre eigene Psyche? Hat es Sie gar gestärkt?

Elisabeth Kulman: Es hat mich total gestärkt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich treffe einen Nerv. Und ich hab’ die Kraft gehabt das durchzustehen. So habe ich zum Beispiel erreicht, dass in Salzburg wieder Probengeld bezahlt und dass vielleicht ein bisschen mehr auf die Sänger geachtet wird. Der ganze Einsatz hat mich stärker gemacht. Ich habe gesehen, dass ich etwas aushalte, wenn ich voll dahinter stehe.

M&T: War das schwierig?

Elisabeth Kulman: Es ist klar, dass man nicht ständig der alles stemmende Atlas sein kann. So hat es auch einen Moment in den Proben gegeben, da bin ich zusammengebrochen. Doch ich lasse sowas zu, habe geheult – und war dann wieder frisch (lacht).

M&T: Sie kommen aus dem Burgenland, also aus dem beinahe schon ungarischen Teil Österreichs. Wie prägend sind diese Wurzeln? Oder ist das ein Klischee?

Elisabeth Kulman: Es ist ein Klischee. Ich weiss nicht, warum das in den Medien noch immer so festgemacht wird. Ich bin ja schon so lange aus dem Burgenland weggezogen. Ich wollte der Provinzialität entfliehen, und es war dort auch nicht möglich meinen Beruf zu erlernen. Zuerst war ich die Rebellin und wollte nichts wie weg, und jetzt – je nachsichtiger man wird …

M&T: … bei der Altersmilde sind wir noch nicht!

Elisabeth Kulman: (Lachend) Nein, aber ich merke, dass ich das so langsam auch nachempfinden kann. Und es ist eine wunderschöne Gegend, eine starke Landschaft. Und es hat sich kulturell sehr viel getan, zum Beispiel in Raiding. Das war ja kulturelle Einöde damals. Das hat sich sehr verändert.

M&T: Gibt es Glücksmomente beim Singen?

Elisabeth Kulman: Sicher! Und deswegen tut man das, glaub’ ich. Für mich sind die Glücksmomente jene, wenn man gut gearbeitet hat, wie zum Beispiel jetzt für diese Liederabende, und dann auf der Bühne loslassen und frei sein kann. Das ist für mich Glück.

M&T: Wohin schweifen die Gedanken in einem solchen Zustand vollkommenen Glücks?

Elisabeth Kulman: Nirgends. Ich bin frei von Gedanken, das Hirn ist frei. Das ist schwierig zu beschreiben.

M&T: Gilt das für das Lied im Besonderen?

Elisabeth Kulman: Nein, das ist egal. In der Philosophie spricht man davon, leer vom eigenen Ich zu sein, als Künstler formuliert man es wie ein Ausdauersportler: Man kommt in einen Flow. Dann stellt sich Glück ein. Das sind ganz seltene Momente, die sich allerdings üben lassen. Glücklich fühlt man sich nur, wenn man abgelenkt ist und sich nicht in Gedanken verkrampft. Das ist auf der Bühne genauso.

M&T: Mögen Sie das Lied besonders?

Elisabeth Kulman: Schon. Allerdings liebe ich alle Musik – (lachend) weniger das Theater!

M&T: Wir treffen uns hier bei der Schubertiade. Hat Schubert eine besondere Bedeutung für Sie als österreichische Sängerin?

Elisabeth Kulman: In dem Sinn, wie Nikolaus Harnoncourt sagt: Es gibt drei Komponisten, die im wienerischen Dialekt geschrieben haben: Schubert, die Strauss-Familie und Alban Berg. Dadurch, dass ich im Osten Österreichs aufgewchsen bin, habe ich wohl eine ganz besondere Beziehung zu diesem Idiom. Schubert wird im ganzen deutschsprachigen Raum als der Liedklassiker geehrt, während ich seine Kunst weniger als Kunstlied wahrnehme, sondern die Beschäftigung mit ihm als ganz natürlich erlebe. Es gibt keine künstlichen Barrieren und auch technisch keinerlei Schwierigkeiten – seine Lieder sind einfach nur schön zu singen. Man kann sich deshalb voll auf den Ausdruck und den Inhalt konzentrieren.

M&T: Also gibt doch so etwas wie eine idiomatische künstlerische Heimat?

Elisabeth Kulman: Sprache und Sprachmelodie kann man oft schon geografisch einordnen. Es ist einfach so, dass die Italiener italienische Musik besser singen als wir deutschsprachigen Sänger. Zumindest generell. Natürlich singe ich in verschiedenen Sprachen. Auf mich übt das einen besonderen Reiz aus, aber das letzte Prozent – wenn ich überhaupt so weit herankomme, erreiche ich im italienischen oder französischen Fach vielleicht nie. Bei Schubert brauche ich darüber jedoch nicht nachzudenken. Das ist wunderschöne Arbeit, von der ersten Probe an.

M&T: Die nicht mehr gesungene Marfa an der Wiener Staatsoper wäre demnach ein ganz harter Brocken geworden …

Elisabeth Kulman: Ich habe schon viel russisch gesungen, und Mussorgskys Marfa hatte ich mir schon bis ins Detail erarbeitet, auch mit dem Dirigenten Semyon Bychkov zusammen. Gerade diese Rolle nicht mehr zu singen, war sehr schmerzhaft für mich. Aber Sie haben recht: Es bleibt ein leiser Zweifel, dieses letzte Prozent bliebe mir wohl verwehrt. Da könnte ich so viel daran arbeiten wie ich möchte …

Quelle: www.musikundtheater.ch/content/auf-dem-weg

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    Christmas Concert: Vivaldi, Mozart

    20:00Milan - Scala di Milano

    Antonio Vivaldi: Magnificat
    W.A. Mozart: Krönungsmesse
    et. al.

    Rosa Feola, soprano
    Elisabeth Kulman, alto
    Mauro Peter, tenor
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    Orchestra and Choir of the Scala di Milano
    Conductor: Diego Fasolis
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Elisabeth Kulman sings Schubert's "Erlkönig" live at the Schubertiade Schwarzenberg