2016, Sept./Okt. | Weniger ist mehr

Musikfreunde (Monatsmagazin der Gesellschaft der Wiener Musikfreunde/Wiener Musikverein), Ausgabe Sept./Okt. 2016, Ulrike Lampert

1-2Elisabeth Kulman ist eine außergewöhnliche Sängerin – und eine außergewöhnliche Persönlichkeit. In den vergangenen Jahren hat sich in ihrem Leben nicht nur künstlerisch viel getan. Begleitet von ihrem langjährigen Klavierpartner Eduard Kutrowatz, singt sie Anfang Oktober ein Schubert-Liszt-Programm im Zyklus „Liederabende“.

„Mir geht’s so gut wie noch nie in meinem ganzen Leben“, erklärt Elisabeth Kulman im Frühsommer 2016 in einem Gespräch mit den „Musikfreunden“. Um dahin zu kommen, wählte sie freilich den „wahrscheinlich schwierigsten Weg, den man gehen kann in seinem Leben – dass man sich die Zeit nimmt, aber vor allem den Mut fasst, zu sich selber zu finden“.

Im Dienst der Sache

Aus der Perspektive der Öffentlichkeit verlief Kulmans Laufbahn hervorragend. Die gebürtige Burgenländerin zählte (und zählt) international zu den gefragtesten Sängerinnen für ein Repertoire vom Barock bis in die Gegenwart – gefeiert etwa als Brangäne, Carmen und Glucks Orfeo, mit klassischen Liedprogrammen wie auch mit extravaganter Kammermusikbegleitung und als Konzertsängerin. 2011 hatte sie großes Glück im Unglück, als sie in einer Probe einen heftigen Schlag direkt auf den Kehlkopf erhielt, pausieren und praktisch noch einmal bei null beginnen musste, doch schon nach kurzer Zeit wieder sang, als wäre nichts gewesen. Internationale Aufmerksamkeit und Bewunderung wurde ihr auch zuteil, als sie zwei Jahre später mitten im Salzburger Festspielsommer begann, sich mit aller Vehemenz und Unerschrockenheit für gerechte Bezahlung künstlerischer Leistungen zu engagieren.

Auch Elisabeth Kulman selbst war jahrelang durchaus zufrieden. „Es hat nichts als Singen in meinem Leben gegeben, dabei kaum ein Privatleben. Mein damaliger Partner war genauso berufsfixiert wie ich – gar nicht im negativen Sinn. Wir waren einfach mit Begeisterung und Leidenschaft dabei, sind voll im Beruf aufgegangen“, rekapituliert sie. „Dann hatte ich diesen Unfall, nach dem beinahe alles aus gewesen wäre. Und das Schicksal hat mich noch einmal gestoßen“, sagt Kulman und meint damit ihren Einsatz für die Künstler. „Ich habe gespürt, ich habe eine Aufgabe zu erfüllen. Es war mir wichtig, mich einzusetzen, Missstände anzusprechen – und weil’s niemand sonst gemacht hat, habe ich es gemacht.“ Und das, obwohl sie sich nicht als einen Menschen bezeichnen würde, der gerne in der Öffentlichkeit steht („Ich bin gerne auf der Bühne, das ja – aber sonst bin ich am liebsten einfach privat“).

3Die innere Stimme

„Irgendwann habe ich bemerkt, dass das auf meine Kosten geht, dass ich mich zurückziehen muss. Das war notwendig, weil ich schon an einer Art Klippe gestanden bin. Natürlich ist es besser, man lässt es gar nicht so weit kommen; andererseits: Manchmal braucht es das, um wirklich etwas zu verändern.“

Dazu war Elisabeth Kulman entschlossen. 2014 nahm sie sich eine Auszeit. „Ich wollte mir Zeit geben, in mich hineinzufühlen, um herauszufinden, was mein eigener Weg ist. Das ist ein schwieriger Prozess, weil man ja von allen Seiten beeinflusst wird. Man hat so oft das Gefühl, nicht frei entscheiden zu können. Man ist von äußeren Umständen gezwungen, in eine Bahn gezwängt. In unserer zivilisierten westlichen Welt agieren wir alle in einem unglaublich engen Korsett – das ist schade. Nicht umsonst gehen Leute für ein paar Wochen ins Kloster, schotten sich von der Außenwelt ab, um die kleine unsichere Stimme in sich wieder zu hören.“ Sie selbst verreiste an einen Ort, an dem sie unerkannt bleiben konnte – Monate habe es gedauert, bis ihre innere Stimme wieder zum Vorschein kam, sich zu Wort meldete.

Künstlerische Überzeugung

Elisabeth Kulman kehrte an die musikalische Öffentlichkeit zurück, verabschiedete sich allerdings bald darauf von der Opernbühne – eine klare und konsequente Entscheidung einer Künstlerin, die für ihre Bühnenpräsenz und Darstellungsstärke stets ebenso verehrt und bewundert wurde wie für ihre rein musikalischen Leistungen. „Mit einem Dirigenten spreche ich auf der gleichen Ebene, weil wir über die gleichen Dinge reden. In der Oper hat man aber doch auch mit musikfremden Menschen zu tun, die letztlich am Hebel sitzen. Wenn man sich künstlerisch unterwerfen muss, selbst wenn man eine andere künstlerische Überzeugung hat – und ich habe sehr starke künstlerische Überzeugungen –, dann ist das sehr schwierig“, schildert Kulman die Problematik, der sie sich gegenübersah. „Da hat man drei Möglichkeiten: Man kann versuchen, im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas zu ändern, man kann sich arrangieren oder man kann aussteigen. Ich habe alles versucht, aber wenn’s nicht mehr geht, dann steigt man aus.“

Seither konzentriert sie sich auf Konzert- und Liedgesang, auf eigene Projekte – und auf Oper in konzertanten Aufführungen. Sie arbeitet an ihrem Innenleben und versucht gleichzeitig den Spagat zu schaffen zwischen der Pflege ihrer Innenwelt und der Außenwelt. „Solange ich in dieser Welt agieren möchte, und das bedeutet in meinem Fall zu singen, aufzutreten, möchte ich versuchen, eine Balance zu schaffen“, erklärt sie. „Das heißt im Moment zum Beispiel, dass ich so oft wie möglich in die Einsamkeit reise. Sobald ich keine Konzerte habe, bin ich weg.“

4Kleine Schritte, große Wirkung

Elisabeth Kulman hat ihr Leben komplett umgekrempelt und „sehr vereinfacht – dadurch, dass ich meine Besitztümer abgegeben habe, das meiste habe ich verschenkt. Ich bin sogar noch einen Schritt weiter gegangen und habe meine Wohnungen aufgelöst. Meine Wiener Wohnung ist vermietet. Was ich zum alltäglichen Leben brauche, ist in einem Koffer.“ Zur Berufsausübung benötigt sie freilich ihre Abendkleider und Noten. Dafür hat sie ein Lager angemietet. Ansonsten genügt ihr „etwas zu essen, zu schlafen und Internet“.

Dies mag radikal wirken, für Elisabeth Kulman war es ein logischer Prozess, es waren „viele kleine Schritte in die Richtung, in die mich mein innerer Kompass geführt hat“. Auch wenn sie sich als Individualfall betrachtet, würde sie jedem Menschen diese Erfahrung wünschen. Für sie brachte die Vereinfachung ihres Lebens Erleichterung, Freiheit und auch Freiraum für neue Ideen. „Jetzt, wo ich mich freigestoßen habe“, sagt sie, „kommt unheimlich viel Inspiration. Ich merke aber auch: Dafür brauche ich Zeit. Das geht nicht, wenn ich im Hotelzimmer sitze und weiß, ich muss in drei Stunden auf die Bühne. Da kommt nichts. Das geht auf meinen langen Meeresstrand-Spaziergängen.“ Das vergangene halbe Jahr verbrachte Elisabeth Kulman zwischen ihren Auftritten größtenteils am Meer. „Dort fange ich an zu blühen.“

Der Kern der Sache

Der „wichtige persönliche und künstlerische Prozess“, in dem sich Elisabeth Kulman befindet, drückt sich auch in einem Soloprogramm aus, das zur Zeit des Gesprächs kurz vor der Premiere steht: „La femme c’est moi“. „Hier erlaube ich mir, was einem konventionellen Opernsänger verwehrt bleibt“, sagt die Sängerin. „Ich inszeniere meinen eigenen Abend. Ich singe und kombiniere, was mir gefällt – Oper, Operette, Lied, Musical, Pop –, und zeige, dass die Grenzen verschwimmend sind; mit Augenzwinkern und Tiefgründigkeit.“

Vom Darstellerischen im großen Stil hat sich Elisabeth Kulman durch ihren Rückzug von der Oper verabschiedet. Hier darf es wieder zum Einsatz kommen, allerdings „sehr reduziert, minimalistisch – so wie mein Leben minimalistisch ist. Ich mag’s auf den Punkt“, sagt sie. „Mein Bestreben ist immer, den Kern einer Sache herauszuschälen und sichtbar zu machen.“

Ausdruck durch Musik – vielleicht liegt darin die noch viel größere Kraft als in der Geste oder auch im Wort. „Eigentlich suche ich immer nach Worten“, überlegt Elisabeth Kulman laut, „nach Worten, die Bedeutung haben könnten. Und am liebsten sage ich dann doch nichts, weil ich noch nicht die Worte gefunden habe. Aber da hilft mir die Musik. Da erreiche ich eine Ebene, die ich mit Worten nicht ausdrücken kann – wie das Zitat besagt: Was man mit Worten nicht sagen kann, das sagt man mit Musik.“

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Calendar

  • Sa
    22
    Dez
    2018

    Christmas Concert: Vivaldi, Mozart

    20:00Milan - Scala di Milano

    Antonio Vivaldi: Magnificat
    W.A. Mozart: Krönungsmesse
    et. al.

    Rosa Feola, soprano
    Elisabeth Kulman, alto
    Mauro Peter, tenor
    Gianluca Buratto, bass
    Orchestra and Choir of the Scala di Milano
    Conductor: Diego Fasolis
    Info/Tickets »

Featured video

Elisabeth Kulman sings Schubert's "Erlkönig" live at the Schubertiade Schwarzenberg