2017, Feb. 25 | Tacheles in allen Fragen

Die Presse – Spectrum, 25.2.2017, Monika Mertl

Von Monika Mertl, Die Presse, 25.2.2017

Von Monika Mertl, Die Presse, 25.2.2017

„Musik beginnt, wo die Worte aufhören“: Elisabeth Kulman über ihr Leben nach der Opernkarriere, die Vorzüge von YouTube, ihr „Urvertrauen“ und die Entdeckung einer neuen Leidenschaft – des Schreibens.

Kein Geringerer als der emeritierte Staatsoperndirektor Ioan Holender war in aller Öffentlichkeit zu Tränen gerührt ob ihres neuen Programms, „La femme c’est moi“: jenes unkonventionellen Liederabends, den Elisabeth Kulman gemeinsam mit sieben handverlesenen Musikern vorigen Sommer erstmals präsentierte. Hier spielt sie sich endlich frei von all den Rollen, die sie so vollendet beherrscht, von denen sie sich jedoch nicht mehr beherrschen lassen will. „Dieses Programm bedeutet für mich sehr viel, weil es wirklich mein persönlicher kreativer Ausdruck ist. Und in diesem Ensemble ist für mich niemand austauschbar. Dieses Umfeld zu schaffen war für mich sehr wichtig. Da weiß ich, warum ich auf die Bühne gehe.“

Ihre Singstimme wurde Elisabeth Kulman gleich zweimal geschenkt. Zunächst, als sie 2004 den heiklen Fachwechsel vom Sopran zum Mezzosopran wagte. Erst in der tieferen Lage war sie richtig zu Hause, fand ihren warmen, unverwechselbaren Ton. Von Pamina und Cherubino entwickelte sie sich rasch und konsequent weiter, mit allen Zutaten für eine Weltkarriere: eine souveräne Technik, die ihr nach schweren Wagner- und Strauss-Partien immer noch Mozart- und Liedgesang ermöglicht, dazu die lupenreine Artikulation in sechs Sprachen, Russisch und Ungarisch inklusive, und vor allem die nicht erlernbare Gabe, auf der emotionalen Ebene direkt und authentisch mit dem Publikum zu kommunizieren. Dafür wird Kulman von Wien bis Tokio und von Salzburg bis New York geliebt und geschätzt – insbesondere, seit sie ihre Stimme zum zweiten Mal „gefunden“ hat: nach dem schweren Bühnenunfall 2011 bei der Ruhrtriennale, wo ihr ein Kollege im Eifer des Probengefechts unabsichtlich einen Schlag auf den Kehlkopf versetzt hatte.

Als sie danach wieder singen konnte, und schöner denn je, sah sie den „Betrieb“ mit anderen Augen. In der unfreiwilligen Pause, dieser Zeit des Schweigens, hatte ein Reflexionsprozess eingesetzt. Kulman begann, den Kompromissen den Kampf anzusagen. Im März 2013 stellte sie sich an die Spitze der Initiative „Art But Fair“, um die oftmals beschämenden Arbeitsbedingungen hinter den Kulissen des Hochglanz-Business zu beleuchten, von denen sich die Fans keine Vorstellung machen. Sie warf sich in die Bresche für Kolleginnen und Kollegen, unterstützte eine Facebook-Seite für „die traurigsten und unverschämtesten Künstlergagen und Auditionserlebnisse“, postete selbst gedrehte Videoclips, in denen sie charmant und witzig, aber tacheles zu heiklen Fragen Stellung nahm. Sie legte sich öffentlich mit Intendanten an, brach Tabus und bestehende Verträge, um nach gut einem Jahr in völliger Erschöpfung zu landen: „Ich habe alles infrage gestellt.“

Vermutlich hätte sich nicht jeder Opernstar dergleichen herausnehmen dürfen, ohne bei den Veranstaltern dauerhaft in Ungnade zu fallen. Elisabeth Kulman hat sich aber offensichtlich mehr Respekt verschafft. Das gelang zum einen dank ihrer unbestreitbaren Qualifikation und ihrer großen Erfolge; zu dem wusste sie auch in diesem Fall, die richtigen Töne anzuschlagen. „Wenn mein Umgangston respektvoll und offen ist, spüre ich, dass ich diese Reaktionen zurückbekomme.“ Es sei höchste Zeit gewesen, die Tabus zu brechen: „Vielleicht bin ich die Richtige, andere zu ermutigen: Zeigt eure Bedürfnisse!“

Die herzliche, unkomplizierte Art, mit der sie Menschen auf Augenhöhe begegnet, ist sicher ihr auffälligster Charakterzug. Elisabeth, der Kumpel. Sie habe sich schon immer leidenschaftlich gern mit Webdesign beschäftigt und zum Spaß für andere die Websites gestaltet, erzählt etwa der Geiger Tscho Theissing, langjähriger künstlerischer Partner bei Kulmans alternativen Projekten, von „Mussorgsky Dis-Covered“ bis zu „La femme c’est moi“.

„Meine aktuelle Website ist die erste, die ich nicht selbst programmiert habe“, lacht sie, „aber ich betreue sie natürlich selbst.“ Die elektronischen Medien sind für sie nicht nur ein Kommunikationswerkzeug. Sie eröffnen ihr auch jene Denkräume, in denen sie jetzt nach Antworten sucht. Antworten auf Fragen, die sie tiefer bewegen als Überlegungen zu ihrer weiteren Laufbahn, die für sie gar keine existenzielle Bedeutung mehr zu haben scheint. „Mein Hobby ist Denken“, sagt Kulman. „Ich beschäftige mich viel mit den großen Fragen. Da ist das Internet sehr hilfreich, weil ich mir viele Meinungen anhören und mir Inspiration holen kann. YouTube bietet die Möglichkeit, Menschen reden zu hören. Das habe ich lieber als Lesen, zumindest im Moment.“

Was sie für sich in Erfahrung bringt, möchte sie weitergeben. „Das ist eine schwere Geburt. Aber ich plane, viel mehr über diese Themen zu reden. Wir haben so viel Krieg, so viel Unruhe, Unsicherheit und Panik, es fehlt der innere Halt. Ich möchte zeigen, dass es möglich ist, zu seiner inneren Ruhe zu finden.“ Allein von diesem inneren Frieden, ist sie überzeugt, hänge der äußere Frieden ab. „So einfach ist die Botschaft. Das ist aber ein Weg, den man beginnen muss. Ich versuche, den Leuten auf meine Weise Mut zu geben.“

Dass Elisabeth Kulman zum Singen kam, war so zufällig wie unausweichlich. Ihr Aufwachsen in der 3000-Seelen-Gemeinde Oberpullendorf war von der Kirche bestimmt. „Mehrmals die Woche in die Messe, zu Hause dreimal täglich beten. Ich habe ministriert, ich war im Kirchenchor und in der Kirchenband.“ So wurde immerhin der Zugang zur Musik eröffnet. „Ansonsten war ich viel in der Natur.“ Die Eltern handhabten die Erziehung nach traditionellem Autoritätsverständnis. Jugendliche Rebellion war nicht vorgesehen. Der Vater, Beamter beim Meldeamt, verbrachte seine Freizeit „sehr zurückgezogen, mit seinen vielen Büchern“. Er starb, als Elisabeth 22 Jahre alt war. Die mittlerweile 80jährige Mutter war musikalisch selbst aktiv; bis heute wirkt sie als Organistin der Stadtpfarrkirche. Elisabeths Begabung fiel außerdem einer Wahltante auf, einer Klavierlehrerin, die ein alternatives Zuhause bot: „Ich war jeden Tag dort. Sie hat mit mir gesungen, hat mich verwöhnt und gefördert. Sie hat das Talent erkannt. Und weil ich so gut in der Schule war, hat mir meine Mutter nichts in den Weg gelegt.“

Und dann gab es noch die Großfamilie, mit drei Onkeln, allesamt Ordenspriester. „Wenn wir alle beisammen waren, entstand eine unglaublich liebevolle Atmosphäre. Ein tiefes Gefühl absoluter Verlässlichkeit. Außerdem hatte ich sieben Cousins und Cousinen in Wien, die waren nicht so konservativ. Wenn sie den Sommer in Oberpullendorf verbrachten, spürte ich einen Hauch von Freiheit.“ 1991 zog sie nach Wien, in eine Wohngemeinschaft „mit einer Freundin, ganz brav“, studierte Russisch, Finno-Ugristik und Musikwissenschaft, betrieb das Singen als lebenswichtige Nebenbeschäftigung in mehreren renommierten Chören, ehe sie sich nach vier Jahren zum Gesangsstudium bei Helena Lazarska entschloss. Sie absolvierte mit Auszeichnung, der damalige Volksoperndirektor, Dominique Mentha, legte ihr den ersten Vertrag zu Füßen.

Der Rest ist Geschichte. Im April 2015 hat Elisabeth Kulman ihren endgültigen Abschied von der Opernbühne bekannt gegeben. Ihre Wohnung, kurz zuvor erst bezogen, hat sie aufgelöst, ihren Besitz großteils verschenkt. „Je weniger, desto leichter bewege ich mich – das Leben wird viel einfacher.“ Sie reist nur noch zu ihren Auftritten an, mietet sich ein, und nach dem Konzert ist sie gleich wieder unterwegs, in den Süden, ans Meer. Wie viele Abendkleider besitzt sie noch? „Zwei Stangen voll, im Lager, aber davon passen maximal fünf, weil sich auch die Figur verändert.“

Auch an ihrem neuen minimalistischen Lebensstil lässt sie Freunde und Fans via Website teilhaben. „Ich möchte zeigen, wie man sein Leben auch anders gestalten kann, als Inspiration, nicht als Abziehbild. So wichtig bin ich nicht.“ In dem sie die Tür von sich aus öffnet, behält sie zugleich die Kontrolle über das, was sie über sich preisgibt. Schlechte Erfahrungen habe sie mit ihrer Nutzung des Internets nicht gemacht. „Ich bin zum Glück völlig verschont von Internet-Trollen.“ Das „Urvertrauen“, mit dem sie sich in den vergangenen Jahren durch die Konfliktzonen bewegt, habe sie wohl in der Atmosphäre der Großfamilie entwickelt, vermutet sie. Und will der „strengen“ Mutter keinesfalls Unrecht tun: „In der heißen Phase der Künstlerbewegung, als ich so sehr in der Öffentlichkeit stand und unter Beschuss war, da hat sie mich unterstützt. Sie wusste nicht einmal, worum es genau geht, aber sie ist zu mir gestanden. Genauso mein Bruder. Die würden mich nie im Stich lassen.“

Wer steht Kulman in diesen Zeiten des persönlichen Umbruchs sonst noch nahe? „Mein Exfreund ist ein wichtiger Gesprächspartner für mich, der Georg Breinschmid, mit ihm habe ich regelmäßigen Kontakt.“ Sonst ist der Kreis klein und selektiv, umfasst „einige wenige Freunde, mit denen ich gerne tiefgehende Gespräche führe“: „Ich habe auch da ganz bewusste Entscheidungen getroffen, und das war schwierig, weil ich niemanden vor den Kopf stoßen wollte. Aber ich musste wirklich lernen, meine Grenzen zu erkennen und zu setzen.“

Sie hält Abstand, schützt ihren Raum, geht auch mit ihrer spezifischen Empfindsamkeit achtsam um. „Ich habe versucht, eine harte Schale zu entwickeln, aber das bin nicht ich. Ich bin viel aufmerksamer, spüre Dinge früher als andere, auch die Vibrationen von anderen. Das kommt mir auf der Bühne natürlich entgegen. Das Empathievermögen hilft mir für die Rollen sehr. Unter Musikern gibt es viele Hochsensible, also, ich bin schon auf dem richtigen Fleck, auf der Bühne. “Dass sie daran zwischendurch nicht mehr geglaubt hatte, lag nicht zuletzt daran, dass sie eine neue Form des kreativen Ausdrucks entdeckte, als sie in ihrer ersten Auszeit vier Wochen durch Thailand trampte: das Schreiben. „Nicht über das, was passiert ist, sondern was mir durch den Kopf geht. Das war für mich eine unglaubliche Befreiung. Das ist ja überhaupt das Schwerste: Worte zu finden, die nicht dahingesagt sind! Deshalb hatte ich die Musik. Sie beginnt, wo die Worte auf hören.“

Mit dem Schreiben setzte der Nachdenkprozess ein: „Höre ich auf zu singen? Aber ich hatte einen Terminkalender. Und Freunde, die gesagt haben: Komm, das machst jetzt noch!“ Als sie wieder in den Beruf einstieg, war es mit dem Schreiben vorbei. „Entweder – oder! Ich kann nicht beides machen. Aber ich bin sicher, dass ich mit dem Singen eher früher als später aufhöre. Die Wahrheit ist: Ich höre zu singen auf, wenn ich meine Sprache gefunden habe.“

Newsletter abonnieren

* Pflichtfeld

Calendar

  • Sa
    22
    Dez
    2018

    Christmas Concert: Vivaldi, Mozart

    20:00Milan - Scala di Milano

    Antonio Vivaldi: Magnificat
    W.A. Mozart: Krönungsmesse
    et. al.

    Rosa Feola, soprano
    Elisabeth Kulman, alto
    Mauro Peter, tenor
    Gianluca Buratto, bass
    Orchestra and Choir of the Scala di Milano
    Conductor: Diego Fasolis
    Info/Tickets »

Featured video

Elisabeth Kulman sings Schubert's "Erlkönig" live at the Schubertiade Schwarzenberg