Elisabeth Kulman bricht das Schweigen und spricht Klartext

interviews_crescendoQuelle: opernnetz.de, 13. März 2013

Faire Behandlung gibt es woanders

Bei den Salzburger Festspielen kriselt es. Der Streit zwischen Kuratorium und dem Intendanten Pereira wegen einer Finanzierungslücke der Festspiele 2013 geht durch die Presse. Dirigent Franz Welser-Möst sagt seine Dirigate bei den Festspielen ab, weil er unzufrieden mit den Aufführungskonditionen ist. Nun hat sich auch Mezzosopranistin Elisabeth Kulman über den Theaterbetrieb in Allgemeinen und die Festspiele im speziellen kritisch geäußert.

Opernnetz: Frau Kulman, welche Umstände kritisieren Sie derzeit im Hinblick auf die Sängerverpflichtungen der Salzburger Festspiele aber auch im allgemeinen Theaterbetrieb und welche Verbesserungen streben Sie an?

Elisabeth Kulman: Die Sängerverträge wurden im Laufe der Jahre schleichend aber sukzessive auf das absolute Minimum heruntergekürzt. Mehr Posten kann man nicht mehr kürzen. Es bleiben nur noch die Abendgagen, die so weit wie möglich nach unten gedrückt werden. Die Salzburger Festspiele zählen zu den prestigeträchtigsten und renommiertesten Spielorten der ganzen Welt. Sie sollten beispielgebende Vorreiter in der fairen Behandlung und Bezahlung ihrer KünstlerInnen sein!

Im Einzelnen geht es um folgende Punkte:

Die bislang und gemeinhin übliche Probenpauschale – meist in der Höhe einer Vorstellungsgage – wurde seit der Intendanz von Alexander Pereira ersatzlos und kategorisch für alle Sänger gestrichen. Für den Proben- und Vorstellungszeitraum von bis zu zwei Monaten werden außerdem keine Hotelkosten erstattet; was übrigens auch andernorts leider gang und gäbe ist. Es gibt zumindest eine kleine Reisekostenpauschale, womit sich etwa zwei innereuropäische Flüge bezahlen lassen. Dem Sänger bleiben also nur die durchschnittlich fünf bis sechs Abendgagen – selbstverständlich nur dann, wenn er tatsächlich auf der Bühne singt. Ist er allerdings krank oder ist die Stimme erschöpft nach den immer sehr anstrengenden Probenwochen, in denen seitens des Veranstalters keine oder kaum Fehlzeiten geduldet werden, kann es im Ernstfall passieren, dass, wenn der Sänger keine Vorstellung singen kann, er nicht nur keinerlei Gage bekommt, sondern sogar mit einem dicken Minus aussteigt. Schließlich ist eine Wohnung oder ein Hotel über mehrere Wochen zur Festspielzeit in Salzburg ja auch nicht gerade billig.

Des Weiteren wird die sogenannte „Öffentliche Generalprobe“ mit teuren Tickets verkauft. Für die Sänger wird diese aber als „Probe“ behandelt und demnach nicht bezahlt.

Was den diesjährigen “Falstaff” betrifft, in dem ich selbst als Mrs. Quickly mitwirke, habe ich aus dem Internet erfahren müssen, dass vier Vorstellungen innerhalb von fünf Tagen stattfinden werden. Angesichts dieser absolut unüblichen, engen Disposition wird es uns Mitwirkenden extrem erschwert, wenn nicht verunmöglicht, eine herausragende künstlerische Leistung in optimaler stimmlicher und körperlicher Kondition zu erbringen. Wenn man bedenkt, dass die Besucher noch dazu horrende Summen für die Karten bezahlen, gewinnt dieser Punkt noch zusätzlich an Brisanz.

Da jeder Sänger, der eine Einladung von den Salzburger Festspielen bekommt, natürlich aus Prestigegründen auch dort auftreten will, akzeptiert er mit Schlucken einen derartigen Vertrag. Er weiß: Wenn ich nicht singe, stehen hunderte andere Sänger Schlange, die sich darum prügeln, auch nur einen Pieps auf einer der Bühnen in Salzburg machen zu dürfen. Aufgrund dieses delikat ausgeübten, aber massiven psychischen Drucks wagt es der Großteil meiner KollegInnen nicht, sich öffentlich zu äußern oder sich in anderer Form dagegen zu wehren.

Im allgemeinen Theaterbetrieb kreide ich neben den groben vertraglichen Missständen, deren Aufzählung diesen Rahmen sprengen, aber unaufschiebbaren Diskussionsbedarf haben, vor allem die zunehmende Respektlosigkeit und würdelose Behandlung der jungen aufstrebenden KünstlerInnen durch inkompetente oder gar korrupte Entscheidungsträger an. Es gibt auch positive Ausnahmen, aber die sind leider eben Ausnahmen. So wird es den jungen SängerInnen und MusikerInnen heutzutage nahezu unmöglich gemacht, die Karriereleiter ihrem Talent entsprechend nach oben zu gelangen. Vielmehr werden sie menschlich zermürbt und immer wieder in ihrem Selbstwert erniedrigt und gedemütigt.

Was soll sich ändern? Es ist an der Zeit, den Künstlern endlich die Würde, die Rechte und auch die faire Entlohnung zu geben, die ihnen wie allen anderen arbeitenden Menschen gebührt. Nur weil sie es „gerne“ und „aus Freude“ machen oder ihr „Hobby zum Beruf“ gemacht haben, heißt das nicht, dass sie ihren Beruf gratis ausüben. In jedem anderen Berufsfeld ist es selbstverständlich, dass Arbeit angemessen bezahlt wird. Jeder Handwerker bekommt seinen Lohn, warum der Künstler also nicht? Hat er doch noch dazu ein jahrelanges Studium und tägliches stundenlanges Üben hinter – und bis zur Beendigung seines Arbeitslebens vor – sich.

Opernnetz: Welche Reaktionen erhalten Sie von Fans, Freunden und Kollegen auf Ihre Kritik? Gibt es eine Reaktion von der Leitung der Salzburger Festspiele?

Kulman: Ich erlebe eine massive Welle der Bestätigung von allen Seiten. Sei es von Fans auf Facebook und Twitter, sei es in privaten Nachrichten von jungen wie arrivierten KollegInnen aus allen Sparten des Musiklebens. Gleichzeitig spüre ich eine überdimensionale kollektive Angst vor negativen Auswirkungen, wenn sie sich öffentlich äußern würden. In der Sache stimmt man mir geschlossen zu, und alle bewundern meinen Mut, das Thema mit meinem Namen an die Öffentlichkeit zu bringen. Metier-Insider machen sich große Sorgen um mich und meine Karriere und warnen mich davor, mich in den „Sumpf“ zu begeben, der „viel tiefer und gefährlicher“ ist, „als selbst Menschen, die in dieser Welt leben, annehmen“.

Bislang gibt es keine Reaktion seitens der Salzburger Festspiele. Mir ist auch nicht bekannt, ob die Botschaft auf dem bloßen Wege der sozialen Medien bereits bis zu Herrn Pereira vorgedrungen ist. Wie zu lesen ist, hat er gerade mit anderen Querelen vollauf zu tun. Selbstverständlich bin ich und sind wir, die betroffenen KünstlerInnen, an einer Stellungnahme seinerseits, besser noch an einem konstruktiven gemeinsamen Diskurs mit kompetenten Kräften interessiert. Schließlich wollen wir etwas zum Besseren verändern!

Opernnetz: Ihre offene Kritik wird sicher nicht nur Freundschaftsbekundungen auslösen. Haben Sie keine Angst, dass Sie zum letzten Mal bei den Salzburger Festspielen auftreten? Oder haben Sie das einkalkuliert?

Kulman: Zum Thema Angst: Grundsätzlich bin ich kein ängstlicher Mensch. Nur wer Mut hat und etwas wagt, kann gewinnen! Außerdem habe ich einen über alle Maßen starken Gerechtigkeitssinn, der mich auf die Barrikaden steigen lässt, wenn etwas zum Himmel schreit. Ich habe die Facebook-Seite Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnisse einige Zeit beobachtet und die haarsträubenden und entwürdigenden Erfahrungsberichte der KünstlerInnen mitverfolgt. Meine Erfahrungen auf dem Weg nach oben waren und sind genau die gleichen! Jetzt bin ich durch meine künstlerischen Leistungen in eine privilegierte Position gelangt, die mir Selbstbewusstsein, Stabilität und vor allem eine innere Freiheit gibt. Ich will für das eintreten, was mir wichtig erscheint, und wenn ich etwas zur Verbesserung der eindeutig verbesserungswürdigen Situation der KünstlerInnen beitragen kann, will ich es sehr gerne tun. Ich betrachte es sogar als meine Pflicht, anderen Mut und Hoffnung zu geben und ihnen möglichst ein Vorbild zu sein.

Werde ich zum letzten Mal bei den Salzburger Festspielen auftreten? Ich habe auf diepresse.com von Alexander Pereiras Vorhaben gelesen, die Produktion Jephtha im Jahr 2014 aus Finanzgründen zu streichen. In diesem Händel-Oratorium, das szenisch aufgeführt werden soll, bin/war ich eingeladen, die Rolle der Storgé zu singen. Es wäre ein schönes Zeichen, wenn sich eine andere Lösung findet.

Die Fragen stellte Christoph Broermann am 12.3.2013 für opernnetz.de


Dazu passend ein Interview, das am 15. Dezember 2012 aufgezeichnet und am 8. Januar 2013 auf ORF III ausgestrahlt wurde.

 

1 Comment

  1. Posted on: 3-19-2013

    Wow – Hochachtung für diese offenen Worte!

    Ich persönlich habe als junger Mensch Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre als Regieassistentin, im Betriebsbüro etc. – also auf der anderen Seite des Schreibtisches – gearbeitet und mich damals schon über die Behandlung der SängerInnen aufgeregt.
    Als ich dann später Gesang studierte, war mir vollkommen klar, daß ich mich als Sängerin niemals in dieses System begeben würde, sondern ausschließlich in meinen eigenen Produktionen singen würde.

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