La femme c’est moi | Reviews

Theater an der Wien 2017

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Championsliga!
Wie die Gewinnerin der Fußball-Championsliga, so präsentierte sich die österreichische Mezzosopranistin Elisabeth Kulman bei der Wien-Premiere ihres Soloprogrammes „La femme c’est moi“. Sicherlich, der Vergleich hinkt! Aber Kritiken leben eben von Vergleichen und da fielen mir eben die zeitgleich zum Konzert ausgetragenen drei Partien im Championsliga-Viertelfinale ein. Aber hier sah man kein Viertefinale, sondern das Endspiel mit einer souveränen Siegerin. Am Ende hatten sich Kulman und ihre sieben Musiker nach fulminanten 2 ¼ Stunden im ausverkauften (!) Theater an der Wien einen Riesenehrenpreis verdient. Dieses Team spielte einfach alle Stückln, wie man in Wien zu sagen pflegt. Oder im Fußballerjargon ausgedrückt: Ein Messi hier, ein Christiano Ronaldo dort, ein Manuel Neuer im Tor, ein Zlatan Ibrahimovic, aber auch ein Schlitzohr wie David Alaba – lauter unterschiedliche Typen, jeder für sich Weltklasse. Und genau so unterschiedlich, abwechslungsreich und hochklassig präsentierten sich die Sängerin und ihre Band.
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Online-Merker, Ernst Kopica, 13.4.2017

Tosender Applaus, großer Jubel für alle. Viel Lust auf mehr in dieser Art. „In Lüfte heben, wieder auf die Erde holen, in Tiefen absteigen und wieder die Balance finden“, wie Kulman das so treffend in der Begrüßung formulierte. Acht Meistern dabei folgen zu können, war ein besonderes Erlebnis an diesem Abend.
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Online-Merker, Karl Masek, 13.4.2017

Fulminanter Soloabend
Oper mag sie nicht mehr. Braucht sie auch nicht, möchte man sagen. Elisabeth Kulman ist imstande, einen Abend wie diesen zu gestalten, und niemand widerspricht, wenn der Titel – nicht eben bescheiden – behauptet: „La femme c’est moi“. Eine solche Künstlerin braucht Librettisten und Komponisten nur als Stichwortbringer. Und sie braucht Tscho Theissing, den genialen Arrangeur, der als Bratschist sein illustres Ensemble anführt.
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Die Presse, Wilhelm Sinkovicz, 14.4.2017

Edith Piaf, Salome und Walküre
Man weiß jetzt, was Elisabeth Kulman uns alles vorenthält, seit sie sich entschlossen hat, der Opernbühne Adieu zu sagen. Denn dass sie sich bei einer One-Woman-Show wie dieser im Theater an der Wien in jeder Zeit, in jedem Stil, in jeder Musik zwischen Musikdrama, großer Oper, Musical und Chanson zurechtfindet – das war spannend.
Sie hat sich dafür ein exquisites Musiker-Septett rund um den großartigen Tscho Theissing zusammengestellt, das die Kulman nicht nur anfeuert, sie in einer delikaten Klangkulisse präsentiert, sondern auch fallweise mit ihr singt. Oder ihr die Bälle zuspielt: der Geiger Aliosha Biz, Theissing, die Ex-Philharmoniker Franz Bartolomey (Cello) und Alois Posch (Kontrabass), der grandiose Gerald Preinfalk mit Klarinetten & Saxophonen und – am Flügel – Eduard Kutrowatz.
Das Publikum war von diesem geistvoll, mit viel Witz und Ironie zusammengestellten Programm begeistert. In zwei Teile – About love and time, All about politics – verpackte Kulman unter dem Motto „La femme, c’est moi“ viele hinreißende Nummern – ausgehend von Saint-Saëns’ Dalila-Arie über Carmen, Cabaret Songs von Benjamin Britten bis zum Walkürenritt, dem Monolog der „Rosenkavalier“-Marschallin oder Verdis Eboli-Arie.
Bravourös gelingen ihr übrigens Songs und Chansons – von Lennon/McCartneys „When I’m sixty-four“ über Brecht/Weills „Seeräuberjenny“ bis zu Dumont/Piafs „Je ne regrette rien“. Ein besonderes Zuckerl: Herwig Reiters bezauberndes Porträt einer Chansonette. Stolz konnte übrigens sein, wer alle Nummern erkannte, ohne ins Programmheft zu schauen.
Kronen-Zeitung, Karlheinz Roschitz, 14.4.207

Da gibt’s eine Sängerin, die mit Stimmumfang und Ausdrucksmöglichkeiten das Zeug hätte, die größte Sängerin des 21. Jahrhunderts zu werden.
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Radio Klassik, Richard Schmitz, 13.4.2017

 

Attergauer Kultursommer 2016

lafemme_kurier20160819Elisabeth Kulman: Raus aus der Schublade
In ihrem Programm “La femme c’est moi” stellt die grandiose Sängerin Wagner neben die Beatles.

Stünde sie heute noch auf einer Opernbühne – sie wäre in vielen Partien die beste Mezzosopranistin der Welt. Vor 15 Monaten jedoch gab Elisabeth Kulman ihren Rückzug von szenischen Opernproduktionen bekannt – und diese Entscheidung ist, so sagt sie gegenüber dem KURIER, endgültig. “Das Thema ist für mich erledigt. Als Sänger hat man in szenischen Produktionen kein Gewicht. Das war immer ein großes Problem für mich. Mir wurde ständig erzählt, was eine Rolle angeblich bedeuten soll. Da bleibt die eigene Kreativität auf der Strecke”, begründet Kulman ihren Schritt. “Wenn ich heute lese, was in Inszenierungen geschieht, bin ich froh, dass ich nicht mehr dabei bin.

Mehr Gerechtigkeit

Schon im Jahr 2013 hatte Kulman eine Künstlerbewegung namens “Art but fair” angeführt und mit dieser mehr Gerechtigkeit im Musiktheaterbetrieb bis hin zu fairen Gagen gefordert. Ihren Rückzug vom Opernbetrieb empfindet sie nun als “Befreiungsschlag”. Dazwischen hatte sie eine ausgedehnte Reise nach Thailand unternommen, um zu sich selbst zu finden. “Was will ich? Was unternimmt man gegen die Vereinnahmung?”, waren dabei zentrale Fragen. Mittlerweile hat sie gelernt, bei Anfragen für Opernproduktionen konsequent Nein zu sagen. “Je öfter man das macht, desto leichter wird es.”

Bei Liederabenden und in konzertanten Opern ist sie nach wie vor zu hören. Und jetzt bei ihrem ersten Soloprogramm, das bei der styriarte Premiere hatte und nun beim von Mechthild Bartolomey geleiteten Attergauer Kultursommer in St. Georgen zu erleben war. Kulman: “Das ist es, was ich machen will. Da kann man alle Facetten zeigen und nicht nur eine wie in der Oper.”

Die sängerischen Facetten: Man hört Kulman als Dalila (so gut wie zurzeit garantiert keine andere), als Carmen (besser als jede andere), als Fricka (überragend), als Eboli (erstklassig), als Seeräuberjenny und auch in für sie transponierten Partien wie der Marschallin, der Königin der Nacht und schrägerweise als Escamillo. All das singt sie technisch perfekt, mit ihrem warmen Timbre, sensibel, dramatisch, famos. Dazwischen gibt es Lieder von Schubert und Liszt, Ausschnitte aus Musicals und sogar Songs von den Beatles und Michael Jackson. Es ist wie ein Aufschrei gegen das so beliebte Schubladisieren von Künstlern. Sie schafft es, zu allen Fächern ihren persönlichen Schlüssel zu finden. Höchst intelligent und mit viel Humor.

Dass dieser spezielle Walkürenritt (der freilich auch zu hören ist) musikalisch funktioniert, ist den Arrangements von Tscho Theissing zu verdanken, der die gesamte musikalische Palette mit Aliosha Biz (Geige), Franz Bartolomey (Cello), Herbert Mayr (Bass), Eduard Kutrowatz (Klavier), Maria Reiter (Akkordeon) und Gerald Preinfalk (Saxofon und Klarinette) exzellent auslotet. Ein kühnes, fantasievolles, gelungenes Projekt.

Gert Korentschnig, Kurier, 19.8.2016


Eine Heldin, die hundert Seelen im Herzen trägt

Elisabeth Kulman betörte beim Attergauer Kultursommer.
***** 5 von 5 Sternen

Hunderte Seelen in einer Person, mannigfaltige Charaktere in einer Stimme, unvergleichlich satt und dabei weich-betörend im Timbre: So ließ die grandiose Elisabeth Kulman zum Schlusspunkt des Attergauer Kultursommers mit dem Programm “La Femme c’est moi” ihre Heldinnen à la Carmen, Dalila, Brünnhilde, Seeräuberjenny oder Schuberts “Mädchen an der Seite des Todes” auf dem Catwalk der Emotionen erscheinen. Mit “im Herzen kochender Rache” oder fein und ganz zart dort, wo die Zauberflöten-Pamina voll von Liebesschmerz ins Fühlen kommt.

Im Berühren verschiedenster Protagonistinnen, welche die Musikwelt erschaffen hat, zauberte Kulman auch Heiter-Sarkastisches aus dem Talon hervor. Chanson-Töne und eine charmante Verbeugung vor dem Beatles-Hit “When I’m Sixty-Four” amüsierten. Mit “Non, je ne regrette rien” bekundete Kulman ihre ungemein starke Persönlichkeit, die nach großen Zeiten an der Oper nun dem Opernbetrieb den Rücken kehrt und dem Publikum und sich selbst fortan nach eigenen Gesetzen Vergnügen bereitet. Man hat gerade diese Töne so klar von Edith Piaf im Ohr – und dennoch gehen sie unter der warmen Stimme Kulmans in neuen Dimensionen auf. Dieses Soloprogramm, bei dem wie im Medley eine Nummer in die nächste gleitet, hat sich die ausstrahlungsstarke Künstlerin selbst maßgeschneidert. Voller Lust am Ausleben verschiedenster Frauenfiguren und im Herauskitzeln von deren Herzensregungen und deren Streben nach innerer wie äußerer Freiheit.

Überraschende Momente

Im originellen Arrangement von Tscho Theissing swingte, parodierte und improvisierte die mit Aliosha Biz, Franz Bartolomey, Herbert Mayr, Eduard Kutrowatz, Maria Reiter und Gerald Preinfalk spitzenmäßig besetzte Band. Auch die ideenreichen Bearbeitungen ließen schmunzeln: Ein Gang quer über Stile hinweg durch die Musikgeschichte. An Überraschungsmomenten bei gesungenen wie agierten Solo-Einwürfen fehlte es nicht.

Als Bandmitglieder suchte sich Kulman die besten Profis ihres Faches aus, die wandelbar und virtuos verschiedenste Stile aus ihren Instrumenten herausholten. Und erst recht trägt Elisabeth Kulman viele Rollen in ihrem Herzen: Wunderbar, wie sie über Pizzicati von Violine und Cello zum schwebenden “I don’t know how to love him” im Musical-Sound ansetzte oder als Walküren-Chefin, aufgestachelt durch das hier grotesk wirkende Walkürenritt-Thema des Saxophons, im silberfarbigen Radhelm die Bühne erstürmte. Ihr unglaubliches Können versetzte in Staunen. Ihre so eindeutige Identifikation mit den Frauenseelen verblüffte immer wieder aufs Neue.

Eine Heldin durch und durch, die von der Galerie der Attergauhalle vollen Herzens Friedrich Hollaenders “Raus mit den Männern aus dem Reichstag” forderte. Ein einzigartiges Ereignis: Man(n) muss diese Revue unbedingt gehört und gesehen haben!

Karin Wagner, OÖN, 19.8.2016


Das ist ein absolut sensationeller Abend von Elisabeth Kulman, unvergleichlich und singulär. Ich bewundere sie maßlos dafür. Das Programm umfasst wirklich alles, von Musical über die Beatles bis zu den schwersten Opernarien. Das kann nur sie. Das Orchesterarrangement von Tscho Theissing ist sensationell. Ich bin froh, dass ich da bin.

Ioan Holender (ehem. Direktor der Wiener Staatsoper), BTV, 17.8.2016

 

styriarte Graz – Seifenfabrik (Premiere am 5. Juli 2016)

Photo © Werner Kmetitsch

Photo © Werner Kmetitsch

Zögern Sie nicht – gehen Sie hin!
Viva la Kulman! – Packendes Soloprogramm
***** 5 von 5 Sternen

Jede Medaille hat zwei Seiten: So ist es einerseits natürlich ein herber Verlust für die Opernbühnen dieser Welt, dass Elisabeth Kulman ihnen den Rücken gekehrt hat, andererseits wäre La femme, c’est moi – das neue Soloprogramm der österreichischen Mezzosopranistin – vielleicht nicht entstanden, hätte sie sich nicht auf gänzlich neue Pfade begeben.

Als unerwartet, überraschend und grandios stellte sich der Abend in der Grazer Seifenfabrik schließlich heraus, der sich getreu dem diesjährigen Styriarte-Motto „Viva la libertà“ die Freiheit nahm, einen Bogen von Georges Bizet über Cole Porter und Andrew Lloyd Webber bis hin zu Richard Wagner zu spannen. Dass dieses Vorhaben nicht nur einfach gelang, sondern zu fulminanten musikalischen Momenten führte, dafür sorgten neben der Solistin auch die außergewöhnlichen Arrangements von Tscho Theissing.

So reihte sich nicht bloß Arie an Arie und Song an Song, die einzelnen Stücke wurden untrennbar verwoben. Theissing verknüpfte beispielsweise George Bizets Habanera mit dem von Dean Martin berühmt gemachten Lied “That’s amore”, oder garnierte Cole Porters “Miss Otis regrets” mit Strauss’ Salome und Prinzessin Eboli aus Verdis Oper Don Carlo. An anderer Stelle verschmolzen gar Fricka, Erda und Brünnhilde zur Wagnerheldin in Personalunion. Dabei kam aber nicht einmal das Gefühl auf, dass diese Arrangements allein mit gutem Willen funktionieren, sondern man stellte sich eher die Frage, wie die einzelnen Stücke denn eigentlich vorher getrennt existieren konnten, wo sie doch so gut zueinander passen.

Aber nicht nur gewagte Neukombinationen, sondern auch ganz klassisch Gehaltenes, etwa Dalilas Arie „Mon coeur s’ouvre à ta voix“, erschienen so in neuem Licht und strahlenden Farben. Neben Theissings Bearbeitungen war es nämlich auch deren hervorragende Umsetzung durch die Band, die die musikalische Reise zu einem Erlebnis werden ließ. Mit Bass, Cello, Violine, Klavier, Akkordeon, Klarinette und Saxophon sorgten die Musiker trotz kleiner Besetzung gleichermaßen für große Oper wie jazzig swingende Elemente und boten damit einen idealen Rahmen für Elisabeth Kulman, die an diesem Abend künstlerische Freiheit in Reinkultur zelebrierte.

Genre-, Fach- und Gendergrenzen sprengend betörte sie das Publikum mit ihrer brokat-glänzenden Stimme, die sich von dunklen Tiefen mühelos in luftige Höhen aufschwang und die es ihr gleichermaßen ermöglichte, eine verführerisch schnurrende Dalila, eine piano-schwebend leidende Pamina und eine mit Eiseskälte umwobene Seeräuberjenny lebendig werden zu lassen. Manchmal nachdenklich, dann wild entschlossen und immer wieder auch mit Augenzwinkern und schwarzem Humor brachte Kulman sämtliche Facetten des menschlichen Empfindens allein mit ihrer fesselnden Präsenz und der über scheinbar endlose Reserven verfügenden Stimme auf die Bühne. Wenn sich ein Highlight an das nächste reiht, fällt es schwer zu sagen, was denn nun außergewöhnlich hervorstechend war, für meinen ganz persönlichen Geschmack gab es dennoch zwei besondere Momente: Zunächst war das die Arie des Escamillo, „Votre toast“, die ich tatsächlich noch nie so feurig und differenziert gehört habe und die in Kulmans Version eigentlich einen mutigen Regisseur dazu motivieren müsste, Bizets Stierkämpfer einmal mit einer Mezzosopranistin zu besetzen. Herrlich melancholisch war hingegen der Monolog der Marschallin über die Zeit, der dank der Schlichtheit der Gestaltung bei gleichzeitigem Reichtum an Klangfarben und Emotionen direkt ins Herz traf.

Eine Kritik muss, denke ich, nicht immer zwangsläufig etwas zu kritisieren suchen, daher von mir abschließend nur ein Rat: Sollten Sie die Chance haben, Elisabeth Kulman mit ihrem Programm “La femme, c’est moi” live zu erleben, zögern Sie nicht – gehen Sie hin!

Isabella Steppan, bachtrack.com, 7. Juli 2016


Eine geniale Collage, die man erleben muss
Bejubelter Erfolg bei der styriarte in Graz

“Ein Soloprogramm, das ich mir nach Herzenslust zuschneidern kann? Welchem Sänger würde das nicht Spaß machen? Was ich schon längere Zeit im Hinterkopf hatte, wird nun Wirklichkeit. In aller Freiheit erlaube ich mir nebeneinander zu stellen, was scheinbar nicht zusammengehört: Franz Schubert und Michael Jackson? Richard Strauss und Beatles? Fricka, Erda und Brünnhilde in einer Person? Sie können sich das schwer vorstellen? Wenn Sie die Bearbeitungen von Tscho Theissing gehört haben, werden Sie es sich kaum mehr anders vorstellen können! Zudem habe ich mir die besten Musiker auf die Bühne geholt, von den Wiener Philharmonikern bis zu internationalen Solisten und Jazz­-Größen.”

Mit diesen Worten leitet Elisabeth Kulman das Programmheft ein, das erfreulicherweise schon vor dem Konzert online im gesamten Umfang verfügbar war. Aber natürlich liest man im Programmheft nur in alphabetischer Reihenfolge die Komponisten jener Stücke, die – zumindest in Auszügen – erklangen. Das zweiteilige 90-Minuten-Programm ist eine geniale Collage, die man erleben muss – und die man kaum nacherzählen kann. Dabei beginnt zunächst alles fast konventionell: das siebenköpfige Instrumentalensemble – Elisabeth Kulman wird sie am Ende als „die beste Band der Welt“ bezeichnen – beginnt mit einem eingängigen Medley. Während des Spiels schreitet die Kulman in prächtige Abendrobe – vom Großteil des Publikums fast unbemerkt – aus der hintersten Saalecke zum Podium und singt betörend die große Dalila-Szene “Mon coeur s’ouvre à ta voix”.

Der Beifall braust auf, die Diva verneigt sich und man denkt, nun werde das folgen, was man ja schon seit Jahren von Kulmans CD-Produktionen von Mahler-, Wagner-. Mussorgsky-Werken kennt: großes Opern- und Liedrepertoire in neuen Arrangements und Adaptionen. Aber diesmal gehen Elisabeth Kulman und ihr wahrlich genialer Arrangeur Tscho Theissing noch einen entscheidenden Schritt weiter: die einzelnen Stücke bzw. oft auch nur kleine Ausschnitte davon gehen nahtlos ineinander über. Speziell im ersten Teil gelingt da geradezu ein Gesamtkunstwerk von begeisternder, ja berührender Bühnenkunst. Und die Kulman versteht es, alle Facetten ihrer Kunst und wohl auch ihrer Persönlichkeit so überzeugend zu präsentieren, dass man nach jedem Stück meint: das war jetzt die „echte“ Kulman. Aber sie führte ihr Publikum ganz bewusst und gezielt in die Irre. Nach der Dalila – besonders berührend die Phrase “réponds à ma tendresse” – und dem Riesenbeifall, sagt die Kulman trocken: “Das war gelogen” und geht sofort in Cole Porters “I hate men” über. Das gelingt genauso überzeugend und „echt“ – aber am Ende sagt Kulman: “Das war auch gelogen” und stimmt die Habanera aus Carmen an. Nach diesen großen Einleitungsnummern wird das Geflecht immer dichter. Schuberts “Meine Ruh ist hin” geht nahtlos in Michael Jackson über, bevor das zutiefst melancholische ungarische Lied “Trauriger Sonntag” erklingt, das in den Dreißiger-Jahren Berühmtheit erlangte, weil es in den Ruf kam, Menschen zum Suizid zu bewegen. Danach beginnt wie aus dem Nichts die ganz verhalten a cappella angestimmte Paminen-Arie (2001 Kulmans Bühnendebüt an der Wiener Volksoper!), die wiederum in den Todesteil aus Schuberts “Der Tod und das Mädchen” mündet und weiterführt zu John Lennons “When I’m sixtyfour”. Der erste Teil klingt aus mit dem Monolog der Marschallin aus dem Rosenkavalier – zunächst gesprochen, dann exquisit gesungen und artikuliert. Der Rosenkavalier-Ausschnitt war übrigens ein besonders gelungenes Beispiel für die meisterhaften Arrangements und die ebenso meisterhaften Leistungen der Instrumentalisten Gerald Preinfalk (Klarinetten, Saxophone), Maria Reiter (Akkordeon), Eduard Kutrowatz (Klavier), Aliosha Biz (Violine), Franz Bartolomey (Violoncello), Herbert Mayr (Kontrabass) und des Arrangeurs Tscho Theissing, der auch Violine, Triangel und, und… spielte.

Ich empfand den ersten Teil als ein bewegendes, sehr persönliches und wohl gar nicht leichtfallendes Abschiednehmen der sichtlich reifer gewordenen Elisabeth Kulman von den wunderschönen Seiten der großen Opernszene.

Der 2.Teil des Abends war dann primär drastisch-spektakulären Szenen gewidmet – die Grenze zum Klamauk war nahe! Das begann mit dem Herwig-Reiter- Chanson nach einem Text von Christine Nöstlinger “Olle Mauna haum an Huscha…. Sie an nema, hot kann Zweck!” (Meine geneigte deutsche Leserschaft wird wohl rätseln, was das heißt…..), gefolgt von der Friedrich-Hollaender-Nummer “Raus mit den Männern aus dem Reichstag” (1926). Das geht dann in einen virtuos musizierten Walkürenritt über.

Elisabeth Kulman – nun helmbewehrt – donnert ihre große Fricka-Szene aus der Walküre in den Saal. Diese wird mit den (transponierten) Brünnhilden-Hojotoho-Rufen und Erdas “Weiche, Wotan” und mit Wolfram-Reminiszenzen aus dem “Tannhäuser” durchsetzt, bevor die Kulman die herrische Fricka-Frage ausstößt: “Empfah‘ ich von Wotan den Eid!” Da erhebt sich der Pianist Eduard Kutrowatz vom Flügel und stammelt die Wotan-Worte: “Nimm den Eid”. Da die Kulman mit prachtvoll frei strömender Stimme exzellent singt, verzeiht man ihr – die ja auch die Regisseurin des Abends ist – gerne und erheitert diesen Wagner-Klamauk. Nun kam gar die Escamillo-Arie (!) – auch sie großartig gesungen. Darauf folgte eine eigens angekündigte Uraufführung eines Chansons nach Gedichten von Erich Kästner in der Musik von Herwig Reiter, bevor Elisabeth Kulman beklemmend-dicht die Seeräuberjenny aus der “Dreigroschenoper” vorträgt. Auch die Salome bleibt nicht verschont – Auszüge aus dem Schleiertanz sind für das Ensemble virtuos arrangiert, werden von Kulman diskret mit Tanzandeutungen ergänzt und schließlich mit dem Herodes-Ausruf “Man töte dieses Weib” beendet.

Nach dem Piaf-Schlager “Non, je ne regrette rien” gab es tosenden Beifall und als Zugabe nochmals den Escamillo und die Hojotoho-Rufe. Wie gesagt: der 2.Teil war knapp an der Grenze des Klamauks – dank der überragenden stimmlichen und instrumentalen Leistungen aber dennoch vergnüglich und begeisternd! Hier war der Anspruch erfüllt, den der Intendant an seine Veranstaltungen stellt und den ich bei der zuletzt besprochenen Veranstaltung vor wenigen Tagen vermisste: “Ideen von genialen Künstlern bestmöglich zu vermitteln.”

Zweifellos werden die Kulman und ihre instrumentalen Mitstreiter mit diesem Programm auch an anderen Orten Furore machen! Nächster Termin am 17. August beim Attergauer-Kultursommer.

Hermann Becke, deropernfreund.de, 6. Juli 2016


50 Seelen wohnen in ihrer Brust
Selbst ist die Frau: Elisabeth Kulmans “styriarte”-Triumph in der Seifenfabrik Graz

Ob Göttergattin, todgeweihtes Mädchen oder Racheengel, ob kokett, leidend, kämpferisch oder schmachtend: Elisabeth Kulman bringt bei ihrem Liederabend “La femme c’est moi” die Facetten des Weiblichen zum Schillern. Ein Triumph bei der “styriarte”, erzählt mit Musik von (meist) Männern – von Richard Wagner und Dean Martin bis Michael Jackson und Franz Schubert.

Die Kulman startet mit der Falschspielerin Dalila (aus Saint-Saens Oper) um über die noch ungezähmte Widerspenstige (aus Cole Porters Musical) und der Koketterie der Carmen langsam bei den unglücklich Liebenden zu landen: Schuberts Gretchen am Spinnrade, Mozarts Pamina bis hin zur melancholischen Resignation der Marschallin aus dem “Rosenkavalier”. Der zweite Teil gehört den Kämpferinnen: Brechts Seeräuberjenny, der Salome, Wagners Göttergattin Fricka bis hin zur göttlichen Edith Piaf.

Es sind Dutzende Nummern und Wahrheiten über Frauenliebe und -leben, gespiegelt durchwegs in Musik, die von Männern komponiert worden ist. Elisabeth Kulman hat diesen Abend auf ihre Wandlungsfähigkeit maßgeschneidert. Die Sängerin, die sich nicht mehr der Willkür von Regisseuren und dem einfallslosen Einerlei des Repertoires aussetzen möchte und ihre Tätigkeit auf der Opernbühne eingestellt hat, macht sich jetzt ihre eigenen Dramen. Das funktioniert musikalisch an einigen Stellen prächtig. Zwischen Paminas Verzweiflung und Schuberts “Tod und das Mädchen” passt höchstens noch ein tiefer Seufzer, und auch die Wagner-Teile sind schön zusammengebaut.

Die Arrangements, die der Begleitband erlauben, zwischen den Stilen zu oszillieren, kommen von Tscho Theissing (merke: hinter jeder erfolgreichen Frau steht auch ein Mann). Die vielen Stilwechsel wirken selten wie Brüche und Kulmans Mezzo bzw. Alt hält das alles wundervoll zusammen. Vokale Höhepunkte: Die Fricka und die Carmen, was auch demonstriert, welchen Verlust die Opernbühnen mit Kulmans Rückzug erlitten haben. Doch welch Zugewinn für das manchmal etwas graue Format “Liederabend”!

[Bildunterschrift] Vielseitig, vielstimmig: Elisabeth Kulman bei One-Woman-Show

Martin Gasser, Kronen Zeitung, 7. Juli 2016


Ein köstliches Pasticcio

„La femme, c’est moi”: Mezzosopranistin Elisabeth Kulman präsentierte bei der styriarte die Uraufführung ihres neuen, vergnüglichen Soloprogramms. Der Hölle Rache an Männern inklusive.

Achtung! Die styriarte kann Ihre Gesundheit gefährden! Dem halben Publikum war nach dem Dienstagabend dringend ein Cholesterinspiegeltest anzuraten, denn die Männer bekamen ordentlich ihr Fett ab. „Olle Mauna hauman Huscha“, hieß es da bei Herwig Reiter/Christine Nöstlinger. Oder mit Cole Porter: „I Hate Men“.

„La femme, c’est moi.“ Also sprach Elisabeth Kulman. Wie die Burgenländerin, die zu den führenden Mezzosopranistinnen der Welt zählt, ihr köstliches Pasticcio schichtete, macht ihr so schnell keiner nach. Da verschob die 43-Jährige als Walküre mit Fahrradhelm den Grünen Hügel an die Mur und verwandelte als Carmen die volle Seifen- in eine Zigarrenfabrik. Wurde im Nu zur Dalila, Piaf, Seeräuberjenny. Zerlegte Schubert, Verdi und die Beatles.

Geiger Tscho Theissing hatte ihr als „Herr der Augenringe“ (© Kulman) in langen Nächten vertrackte, mitunter etwas zu üppige Arrangements auf die Stimmbänder geschrieben, durch die sie bei der Uraufführung des Programms ein First-Class-Septett mit Pep, Swing und Augenzwinkern trug.

Kulman, die für Beethovens „Neunte“ nochmals zur styriarte zurückkehrt, bewies jedenfalls einmal mehr: Auch Sangesfreude ist ein schöner Götterfunken.

[Bildunterschrift] Farbenreiches Temperament, erfrischender Esprit und auch viel Schmäh: Elisabeth Kulman

Michael Tschida, Kleine Zeitung, 7. Juli 2016

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La femme c’est moi

Idea & concept: Elisabeth Kulman
Arrangements: Tscho Theissing

Elisabeth Kulman – voice
Aliosha Biz – violin
Tscho Theissing – viola, various instr.
Franz Bartolomey – cello
Herbert Mayr | Alois Posch – double bass
Gerald Preinfalk – clarinets & saxophones
Maria Reiter – accordion
Eduard Kutrowatz – piano