Spiele ohne Brot

Elisabeth Kulman über den Wechsel Alexander Pereiras von den Salzburger Festspielen an die Mailänder Scala

Veröffentlicht am 7. Juni 2013 von Elisabeth Kulman

Foto: Ernst Kainerstorfer/Voestalpine Stahlwelt

Foto: Ernst Kainerstorfer

Er kam, sah – und kürzte: Erst den Verdienst seiner Künstler, dann seine eigene Amtszeit als Intendant der Salzburger Festspiele. Alexander Pereira, erst seit einer Festspielsaison im Amt, wird 2015 die Intendanz der Mailänder Scala übernehmen. Und ganz gleich, ob das Salzburger Festspielkuratorium Pereiras bis 2016 laufenden Vertrag bereits vorzeitig auflösen wird oder nicht: Das von Pereira in Salzburg inthronisierte Primat der Münze über die Kunst hat eine längst notwendige Diskussion darüber entfacht, zu welchen Bedingungen – und ob überhaupt – Kunst und Kultur im Zeitalter globalisierter Gewinnmaximierung existieren können. Für jeden Nicht-Salzburg-Insider sei es in Erinnerung gerufen: Eine der ersten Amtshandlungen des seit 2012 in Salzburg tätigen Kulturmanagers Pereira war es, für den weltweit renommierten Festspielbetrieb das Prinzip „Arbeit ohne Bezahlung“ einzuführen. Etwas im Grunde Undenkbares ist seither Bedingung jedes dortigen Engagements: Wer als Sänger nicht bereit ist, eineinhalb bis zwei Monate tägliche Probenarbeit ohne einen einzigen Cent zu leisten, hat keine Chance, die Salzburger Bretter, die die Festspielwelt bedeuten, zu betreten! Das zeitgeistige Zauberwort „Kostensenkung“ findet in Alexander Pereira einen Adepten, der auf dem Rücken derer spart, die Kunst erst zum Erlebnis machen, die dem Festival Leben einhauchen und Inhalt geben und nicht zuletzt seinem Intendanten Stelle und Bezüge sichern – die Künstler! Und doch: Die einzige Wahl, die der Festspielregent Pereira seinen Künstlern lässt, ist: Take it or leave it! Friss oder stirb! Entweder sechs bis acht Wochen völlig kostenlos arbeiten oder auf das Renommee verzichten, in Salzburg auftreten zu dürfen. Darf ein Festspielintendant sich derart widersprüchlich verhalten, ja selbst inszenieren? Darf er sich „Diener seiner Künstler“ nennen und als Getriebener äußerer Umstände präsentieren? Welchen Wert und welche Aufrichtigkeit haben Pereiras Bekenntnisse, die er mir im persönlichen Gespräch am 8. Mai offenbarte?

Der Abgang Alexander Pereiras von der Salzburger Festspielintendanz löst in mir persönlich weder Freude noch Traurigkeit aus. Ich wünsche ihm für Mailand jedenfalls mehr Glück und Fingerspitzengefühl, als er es in Salzburg an den Tag gelegt hat. Wie sagen wir Sänger – nicht ohne Zynismus – so schön auf Italienisch? In bocca al lupo! Crepi!

In den vergangenen Wochen und Monaten, da ich Pereiras Gebaren uns Künstlern gegenüber immer wieder angeprangert habe, ging es mir nie um mich selbst, sondern im Sinne der “Revolution der Künstler” und “art but fair” um Fairness und Anstand im Kunstbetrieb an sich, ob in Salzburg, Mailand oder anderswo. Die nun anstehende Neubesetzung der Salzburger Intendantenstelle ist mir deshalb Grund, erneut und unnachgiebig die notwendige gegenseitige Wertschätzung aller am Kunstbetrieb Beteiligter einzufordern und gerade nicht die anonyme Kostenstellenlogik, sondern den dahinterstehenden Menschen in den Vordergrund zu stellen. Pereiras Nachfolger, ob er nun Markus Hinterhäuser, Sven-Eric Bechtolf oder anders heißen mag, wird von uns Künstlern an diesen Maßstäben zu messen sein. Als Initiatorin der „Revolution der Künstler“ und Unterstützerin des aus dieser hervorgegangenen Projektes „art but fair“ werde ich mich daher in den nächsten Tagen mit einem persönlichen Schreiben an das Salzburger Festspielkuratorium wenden, dem die Entscheidung über Pereiras Nachfolge obliegt. Wir Künstler erwarten und wünschen uns vom neuen Intendanten sowohl eine Rückkehr zur bezahlten Probenarbeit als auch eine Erstattung der notwendigen Reise- und Hotelkosten zum und am Festspielort Salzburg.

1 Comment

  1. Posted on: 8-11-2013

    Liebe Frau Kulman,

    noch einmal herzlichen Dank für Ihre Initiative und Ihren Einsatz! Es ist unglaublich
    wichtig sowohl den Arbeitsgebern, als auch der breiten Öffentlichkeit klar zu machen,
    dass künstlerische Berufe tatsächlich BERUFE sind und als solche zu Kenntnis genommen werden sollen. Die Tatsache, dass so viele Menschen die Kunst als Hobby
    betreiben und dabei abreagieren und entspannen können, soll ihnen das Bild eines
    hart arbeitenden Künstler nicht deformieren. Selbst, dass dieses Thema in der Öffent-
    lichkeit erschein und mit so einer Kraft (!), halte ich für einen außergewöhnlich “heilenden” Schritt.
    Ob das ausreichend ist – werden wir sehen. Mit Sicherheit werden einige Forderungen
    bei den nächsten Intendanten in Salzburg Respekt finden – besonders im Falle der
    kräftigen Unterstützung der Präsidentin.
    Haben Sie schon Konkrete Ideen von den anderen Künstler, was und wie geändert
    werden soll, bekommen? Ich denke nicht, dass Sie als Haupt-Auftrieb-Kraft alles auf
    sich nehmen können – letztendlich haben Sie noch was zu singen. Sind Sie jetzt die
    einzige “Sammlerin” von Problemen und Lösungen?
    Nett überrascht von dem Schwung Ihrer Initiative wäre ich derzeit bereit, mich auf
    Salzburger Probleme zu konzentrieren, denn das ist mein Alltag. Heute nur kurz:
    70% (meines Wissens) der Künstler hier, nicht selten mit mehreren Abschlüssen und
    auch aufregenden Lebensläufen, werden in dieser Welt-Kulturstadt als berufslose,
    unnützliche Gegenstände betrachtet und behandelt – somit sind sie meistens Klienten
    der Sozialämtern. Durch meine Frühpensionierung ist mir das erspart worden, aber
    man sucht für mich intensiv IRGENDEINE “Beschäftigung”, am besten anständige
    “Anstellung”, aber meine wirkliche Arbeit (Konzerte, Schreibaufträge, Zyklen-Gestaltung nach Themenstellungen etc.) wird dauerhaft auf verschiedene Art und Weise gehindert, bis vieles absolut unmöglich wird. Gerne bleibe ich mit Ihnen im
    Kontakt, auch, wenn das auch nicht immer verlässlich ist – meinerseits.
    Mit herzlichen Grüßen
    Halina Kochan

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