Pietro Mascagnis: Sì

28. Oktober 2002
Wien, Volksoper

WERK
“Da ich Oper und Operette mit dem gleichen Maßstab beurteile und in Bezug auf Komposition und Erfindung beide auf dasselbe künstlerische Niveau stelle, hat diese Operette für mich die gleiche Bedeutung wie eine ernste Oper…”, schrieb Pietro Mascagni im September 1919 an seine Geliebte Anna Lolli. Ernst ist auch die Geschichte der Tänzerin Sì aus den Follies Bergères. Ihr Name Sì (Ja) rührt daher, dass sie noch nie einem Mann gegenüber “nein” gesagt hat. Darum ist sie das ideale Objekt für den Lebemann Luciano. Er braucht eine Frau – doch nur, um eine Erbschaft anzutreten. Danach möchte er schnell wieder seinem ungezwungenen Leben nachgehen. Sì willigt ein. Doch als die Scheidung bevorsteht, sagt sie zum ersten Mal in ihrem Leben “nein”, weil sie sich unsterblich in Luciano verliebt hat. Für ihn ist das “nein” von Sì nur lästig, denn er hat längst wieder eine neue Frau an seiner Seite.
Am 13. Dezember 1919 erlebte Mascagnis erste Operette ihre Uraufführung im Teatro Quirino in Rom. Einige Anhänger des Komponisten waren enttäuscht, dass sich der Meister einem so modischen, unwürdigen Genre zugewandt hatte. Doch “Sì” macht ihren Weg und kam am 24. Jänner 1925 auch nach Wien, wo Mascagni selbst die Premiere im Bürgertheater dirigierte. Der Erfolg war groß, es folgten 25 Vorstellungen en suite. Jetzt ist das aussergewöhnliche Werk, das, obwohl durch und durch italienisch, z.T. auf einem Pariser Postamt spielt, wieder in Wien zu sehen. Birgit Meyer

INHALT
Der ausgebrannte Zyniker Luciano, stürzt sich aus einer Mischung aus Langeweile und Sehnsucht nach vergangenen Werten in die Ehe mit Sì, einer Frau, die zu allem “Ja” sagt, nicht, ohne zuvor eine Affäre mit der Angestellten Vera anzufangen, die er zwischendurch immer wieder aufnimmt. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, als Sì zum ersten Mal “No” sagt, weil sie für Luciano echte Gefühle empfindet. Die Konflikte, in die die Protagonisten stürzen, reißen der Gesellschaft die Maske kalter Funktionstüchtigkeit herunter.

PRODUKTION
“Sì” ist voll von feinnerviger Belcanto-Melodik, hinter denen sich jedoch das große Drama einer Frau, deren Leben zusammenstürzt, verbirgt. Während die Wiener Operette hauptsächlich von Rentiers bevölkert wird, ist die Möglichkeit von wahrhaftigem Leben in der modernen Arbeitswelt zentrales Thema in “Sì”. Obgleich dem Operettengenre zugehörig, wird das Thema “Liebe” hier als vergebliche Illusion gezeigt, werden die Liebenden als Tauschgut zynisch demaskiert. Die Menschen im kalten Räderwerk der Technik müssen funktionieren oder sie werden zermalmt. “Sì” ist eine filmnahe “Zeitoperette” der “Modern Times”, die nicht nur in ihrer musikalischen Qualität fasziniert, sondern einerseits an Ödön von Horváths gemahnende literarische Gestaltung eines Frauenschicksals erinnert und andererseits in Jura Soyfers Werken, in denen er sich mit der zunehmenden Verdrängung des Menschen durch die Maschine beschäftigt, Anklang findet.
Dementsprechend werden in Katja Czellniks Inszenierung die musikalischen Nummern in den Vordergrund gestellt und in filmischer Weise zueinander montiert. Die seelenlose, empfindungslose Maschine und der von den damals neuen Verkehrs- und Informationsformen deformierte, entfremdete Mensch als Teil von schneller Bewegung und anonymen Kräften, sowie die Kälte und Einsamkeit produzierende Gesellschaft werden hier thematisiert.

AUSSTELLUNG
29. Oktober 2002, 19.00 Uhr, Österreichisches Theatermuseum:
Eröffnung einer Ausstellung zu Pietro Mascagnis “Sì”
1010 Wien, Lobkowitzplatz 2

Links
Wiener Volksoper: www.volksoper.at

Besetzung

Sì: Eva Lind/Akiko Nakajima
Vera: Elisabeth Kulman
Luciano di Chablis: Dario Schmunck/Johan Weigel
Cleo de Mérode: Oliver Ringelhahn/Reinhard Alessandri

Musikalische Leitung: Marc Piollet

Inszenierung: Katja Czellnik
Ausstattung: Vera Bonsen
Licht: Frank Sobotta
Choreografie: Lili Clemente

Programm

Pietro Mascagni: Sì - Oper(ette) in 3 Akten (1919)

 

Veranstalter

Wiener Volksoper

Alle Termine

Montag, 28. Oktober 2002, 19.00 Uhr (Rollendebüt)

Genre

Werke

Presse

  • 9.9.2002 · Opera Gazet · W.V.
  • 1.12.2002 · Opernwelt · Gerhard Persché