Foto Copyright: Marian Lenhard

 

19. Dezember 2021

Heute ist ein besonderer Tag für mich. Es ist nun tatsächlich so weit. Mein letzter öffentlicher Auftritt als klassische Sängerin steht heute bevor. Dass es dieses Ende – und damit auch einen Neuanfang – geben würde, wurde mir vor sieben Jahren während meiner Auszeit im Burnout bewusst. Es war ein Schock, als ich mir dessen klar wurde, dass ich gehen werde, dass ich nach mehr als 30 Jahren auf der Bühne einen neuen Weg einschlagen werde. Wie lange ich brauchen würde, um diesem unmissverständlichen inneren Impuls Folge zu leisten, der so laut und deutlich war, dass ich ihn unmöglich ignorieren hätte können, wusste ich damals nicht. Es war ein Prozess – mich selbst damit anzufreunden, Abschied von meinem bisherigen Lebensinhalt zu nehmen, der mir so viele Glücksmomente und Sternstunden beschert hat. Dankbar Adieu zu sagen, Tränen fließen zu lassen, schließlich das Loslassen auf diesem existenziellen Level zu meistern, bereit zu sein für das Neue, von dem ich nur einen blassen Schimmer habe, was es bringen wird, und doch im Vertrauen zu sein, dass ich mich verlassen kann – auf mich, auf Gott und die Welt.

Nun, jetzt ist also der Tag gekommen. Dass ich dieses letzte Konzert mit den wunderbaren Bamberger Symphonikern und Jakub Hrůša gestalten darf, ist ebenso ein „Zufall“ (was ist schon zufällig?) wie ein Glücksfall. Dank einer zwangsläufigen Programmänderung wegen der bekannten Umstände durfte ich mir sogar die Musik aussuchen und eine Abfolge maßschneidern, die Jakub perfekt ergänzt hat mit den schönsten Instrumentalstücken, die ich mir nur vorstellen kann. Die Generalprobe war schon so magisch … (siehe Bilder) Wie wird es erst heute sein, wenn das Publikum mitfeiert?

Der Saal wird – wieder wegen der bekannten Umstände – nur zu einem Viertel voll sein, und es werden Menschen ausgeschlossen, entweder weil sie das Pech haben, zum restlichen Dreiviertel zu gehören, oder weil sie eine Bescheinigung nicht vorweisen können oder weil sie das nötige Kleingeld nicht haben. Unsere Welt ist ungerecht und wird gerade in vieler Hinsicht noch ungerechter. Aber man kann sein Denken auch auf die positive Seite fokussieren und das viele Gute sehen, das es ebenso gibt und das wir vergrößern, indem wir es wahrnehmen und schätzen: Dank dem Bayerischen Rundfunk BR-KLASSIK, der dieses Konzert aufzeichnet, können alle Menschen auf der ganzen Welt dieses Konzert miterleben. Das ist mir wichtig, und für die Ermöglichung bin ich sehr dankbar. (Den Termin werde ich hier bekanntgeben, sobald ich ihn erfahre.)

Nun also. Es sind noch ein paar Stunden bis zum großen Moment. Ich verbringe sie ganz bei mir, lasse im Geiste die Jahre Revue passieren: das Unermessliche, was ich gelernt habe, das Schmerzvolle, das ich gerne loslasse, das Schöne, mit dem ich so reichlich beschenkt wurde. Ja, ich bin dankbar, von Herzen dankbar. Meine Liebe zum Singen bleibt, sie wird nie vergehen, auch wenn sie sich nun ein anderes Ausdrucksmittel sucht. Und diese Liebe möchte ich heute und immer mit allen Menschen teilen, die sie annehmen wollen. Seid alle von Herzen umarmt und mit den allerschönsten Klängen umhüllt!

Fotos von der Generalprobe von M. Brug

 

Der obige Text wurde zuerst auf Facebook veröffentlicht. Ein Kommentar dazu lautete wie folgt und enthielt eine Nachfrage:

Liebe Frau Kulman! Schade, dass Sie sich von der Bühne verabschieden und schön, dass Sie in Bamberg ein Abschiedskonzert singen konnten. Wie Sie selbst geschrieben haben, gilt nun auch in Bamberg eine 2G Regel für das Publikum, wegen der Sie Ihre letzten Konzerte in Wien abgesagt haben. So auch jenes mit Mahler 3 und uns vom Tonkünstler Orchester. Was ist in Bamberg anders? Wieso war es Ihnen möglich in Bamberg unter jenen Vorgaben zu singen, und in Wien nicht? Für uns vom Orchester und vor allem für unser (und auch Ihr) Publikum war das sehr schade.

Antwort:

Lieber Herr F., danke für Ihre freundlichen Worte und die Nachfrage. In der Tat waren die Absagen in Wien sehr, sehr traurig. Ich habe mir die Entscheidung darüber nicht leicht gemacht. Wie gerne hätte ich diese Konzerte für alle gesungen! Gemeinsam mit dem Musikverein haben wir lange nach Lösungen gesucht, etwa dass man durch ein Streaming oder eine Radioübertragung den Ausgeschlossenen die Teilnahme virtuell ermöglicht. Leider ließ sich dies in Wien nicht realisieren. In Bamberg war der Bayerische Rundfunk dabei, hat den Abend mitgeschnitten und wird ihn demnächst senden. So können ihn alle auf der ganzen Welt miterleben. Das machte den Unterschied, und das war mir wichtig.
Dass wir nicht mehr das Vergnügen hatten, gemeinsam zu musizieren, ist extrem schade und tut weh. So wie vieles derzeit. Jedenfalls wünsche ich Ihnen von Herzen noch viele schöne musikalische Begegnungen und immer viel Gesundheit und Freude bei allem, was Sie tun! Elisabeth Kulman

Reaktion:

Danke für die Erklärung!


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